[PROZESS] Es scheint Realität geworden zu sein

Der letzte Text zur Buchmesse

Willkommen in der vielleicht zweitschönsten Stadt Deutschlands, welche der Geburtsort des Menschen mit dem zweithöchst erreichten Lebensalter ist, der Ort, der sich mit einer zweiten Stadt den zweitgrößten Frachtflughafen Deutschlands teilt, wo aktuell die zweitbeste Fußballmannschaft der Bundesliga spielt und die zweitgrößte Buchmesse stattfindet. Doch wenn Frühjahr ist, ist bei all denjenigen, die sich für das geschriebene Wort interessieren, Leipzig immer ganz oben auf der Liste. Diese Jahr ging es vor allem um die Themen Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, gegen rechten Populismus und für die Freilassung von Journalist°innen aus Gefängnissen dieser Welt. Begleitet wurde die Buchmesse dabei, wie die Jahre zuvor schon, von den bunten und schrillen Kostümen der Cosplayer, die zur parallel stattfindenden Comic und Manga Messe „Comic Con(vention)“ pilgerten und somit eine belebende Abwechslung zu den ernsthaften Themen der Buchmesse mit sich brachten. 

Donnerstag. Ich bin Zuhause und habe eine der ersten Veranstaltungen der Buchmesse „Fuck fuck fuck fuck“-Warum lächeln keine Lösung ist“ mit Ronja von Rönne und Margarete Stokowski über den Livestream der TAZ gesehen, denn man muss mittlerweile nicht mal selbst vor Ort sein, sondern kann sich bequem die Buchmesse auch in sein Wohnzimmer holen, ganz ohne knisternde ARTE und ARD Tüten, drängelnde Rentner zwischen den Stuhlreihen und Blasen an den Füßen von den tags zuvor noch neu gekauften Schuhen. 

Gesehen habe ich über den Bildschirm meines Laptops zwei Autorinnen, die sich über das Thema Wut in ihrem Alltag ausließen und darüber redeten, wie sie versuchen, mit Kritik von außen klar zu kommen. Besonders war bei diesem Gespräch, dass Margarete Stokowski am Anfang auf den in der Türkei inhaftierten „Welt“-Journalisten Deniz Yücel einging und sagte, man unterstütze ihn am besten, indem man seine Bücher kauft und ihn möglichst lange in den Bestsellerlisten führt, bis er aus der Haft in der Türkei entlassen wird. Was ein genauso schöner Gedanke für die türkische Journalistin Aslı Erdoğan ist, da sie wie Deniz Yücel am gesamten Messewochenende präsent sein wird, obwohl sie eben nicht hier sein darf. In den Mittagsstunden des ersten Tages der Buchmesse ist sie im ZDF-Stream live aus Istanbul in typischer Skype Qualität mit dem Moderator auf dem Blauen Sofa verbunden. Eine Auswahl ihrer politischen Essays mit dem Titel „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ sind dazu pünktlich zur Messe auf deutsch erschienen und in der benachbarten Halle drei beim Knaus Verlag erhältlich. So zeigt sich diese Buchmesse schon jetzt am ersten Tag, rund zweihundert Kilometer entfernt vor dem Bildschirm, wie eine Zusammenfassung der aktuellen Tagesthemen, denn ein Jahr nach der Leipziger Buchmesse 2016 ist die Welt eine andere geworden. Die Literatur hat darauf reagiert und will sich jetzt in Leipzig vorstellen.

Ich stelle mir im Laufe des Tages aus den mehr als fünftausend Veranstaltungen, die es in ganz Leipzig verstreut zu besuchen gibt, meinen Plan für die nächsten drei Tage zusammen, um diesen dann während des Wochenendes sowieso wieder und wieder zu verwerfen. Ich klappe dann schließlich den Laptop zu, packe meinen Koffer, stelle mir meinen Wecker auf 5.30 Uhr, um diesen am nächsten Morgen um 5.30 Uhr wieder auszuschalten, mich im Bett umzudrehen und bis zehn Uhr weiterzuschlafen.

Freitag. Das Wochenende beginnt am späten Vormittag im sonnigen Hildesheim und es erwarten mich gute zwei Stunden Autofahrt später ein noch entspanntes Messegelände und ein kostenpflichtiger Messeparkplatz in der dritten Reihe. Während mir schon die ersten bekannten Comicfiguren entgegen kommen, mache ich mir zuerst einen Gesamteindruck von der Messe, laufe viel orientierungslos herum, setze mich in Halle fünf in unterschiedliche Veranstaltungen von dem „Treff junger Autoren“ bis hin zu „Wie veröffentliche ich mein eigenes Buch“, um so erste Eindrücke von eher mittelmäßigen Powerpoint Präsentationen und Interviews mit interessanten jungen Autor°innen zu bekommen, die man zum Großteil auf dem PROSANOVA | 17 wieder sehen wird. Nach fünf Stunden Buchmesse reicht es mir fürs Erste und ich mache mich auf, mein Quartier für die nächsten beiden Nächte zu beziehen. Am Abend gibt es Ofenkäse, Brot, Salat und „Genial Daneben“. Später Gin Tonic und dann die erste Nacht auf der wohl unbequemsten Liege in ganz Leipzig.

Samstag. Es ist die Definition von Chaos, was auf den Zufahrtsstraßen zum Messegelände los ist. Die lokalen Medien werden im Laufe des Tages von einer „Schlacht“ und von mehr als ein dutzend Autounfällen rund um die Buchmesse berichten und mittendrin in diesem Wahnsinn aus gestressten Ausstellern, genervten Familienvätern und total überfordertem Parkplatzpersonal bin ich. „Ausnahmezustände selbst schaffen. Mit Literatur eskalieren.“ –Wie Daphne in ihrem [BLOG] Eintrag die ewige Sucht des Spektakels beschreibt. Es scheint Realität geworden zu sein, irgendwo zwischen Parkplatz P3 und Autobahnabfahrt Leipzig Messegelände. So bahne ich mir langsam den Weg zum benachbarten Gewerbepark, der unter der Leipziger Bevölkerung ein gut gehütetes Geheimnis ist und gestern Abend unter Einfluss von Ofenkäse und Gin Tonic an mich weitergegeben wurde, um dort noch einen der wenigen kostenlosen Parkplätze zu ergattern. Auf der Messe selbst ist heute so viel los wie die letzten beiden Tage zusammen. Eine Masse aus raschelnden Tüten, summenden Stimmen und klappernden Plastikschwertern, die sich den Weg durch die sonnendurchflutete Glashalle bahnt. Ich hänge am MDR Kultur Stand ab und sehe gestressten Moderatoren zu, die mit ihren Karteikarten hektisch in der Luft rumwedeln. Zu Gast ist unter anderen Steffen Popp, der mit seinem Lyrikband „118“ zwei Tage zuvor fast den Buchmessepreis gewonnen hätte. Später am Tag erwerbe ich am Stand der Edition Paechterhaus ein Exemplar „der aktuellen Landpartie“, stehe nachmittags in der Menge des ZDF Standes und schaue mir das Blaue Sofa mit John von Düffel an. Anschließend blättere ich am Abend noch in den mitgenommenen Büchern, Prospekten und Zeitschriften, stoße auf interessante Autor°innen, farbenfrohe Covers und auf die schönsten Buchtitel der Buchmesse.

 

Top 5 schönste Buchtitel der Leipziger Buchmesse:

– Dirigieren verdirbt den Charakter

– Drachen liegen auf der Straße

– Auch im Ersatzteilalter kann man (noch) gut leben

– Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

– Judo mit Wladimir Putin

 

Sonntag. Laut der Uhr im Regal gegenüber meiner Liege ist es fast Mittag, doch die Sommerzeit sagt, es ist kurz nach zehn, verpassen werde ich trotzdem Olga Grjasnowas Auftritt auf dem blauen Sofa, dafür entschädigt heute das üppige Frühstück. Später auf der Messe kommt es dann neben dem sonstigen Geschiebe und Gedränge der Menschenmassen zum Aufstand in Halle fünf. Dort versammeln sich gegen 14 Uhr ca. hundert Leute mit etwa halb so vielen Pappschildern, Bannern und Fahnen, um den Stand des rechtspopulistischen Compact Magazins zu blockieren und „Nazis raus!“ zu skandieren. Ich stelle mich dazu und bekomme von einer jungen blonden Frau ein Schild in die Hand gedrückt mit der Aufschrift NO COMPACT. Nach einiger Zeit wird mir das allerdings zu langweilig und so irre ich lieber noch die restliche Zeit mit einem an einer Schnurr meines Rucksacks baumelndem Pappschild und einer zimmerwarmen Cola in der Hand durch die Hallen, entdecke dabei die schon seit Tagen bekannte „Buch Döner“- Performance und schaue aus Neugier bei der Comic Con vorbei, wo sich ein ganz anderes Universum aus Farben und Formen auftut, bis das Buchmessewochenende dann schließlich langsam am Nachmittag ausklingt, bis die Sonne tief über dem Parkplatz steht und ich leise bis Reihe zweiundsiebzig zähle.

Eric Voigt

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.