[PROTOKOLLE] Die ganz-und-gar-nicht-fürchterlichen Lesetage

Lesenotiz zu Roman Ehrlichs „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“

Teil I: Die Randgeschichte

Das Buch hat 641 Seiten. Ich habe es vom Pfeil und Bogen -Blog schon vor Erscheinungstermin als PDF-Fahne bekommen. Weil mein Laptop über die Semesterferien Urlaub gemacht hat, habe ich ebengenannte 641 Seiten auf meinem Handy gelesen, einem zu Recht auslaufenden Blackberry-Modell mit winzigem Bildschirm, der zudem noch alle 10 Sekunden in den Standby-Modus gegangen ist, was sich trotz Modifizierungsversuchen meinerseits nicht ändern ließ. Ich habe Nackenstarre in Kauf genommen und mir ab Seite 234 ein stoisches zehnsekündliches Tippen mit dem Zeigefinger auf die obere rechte Bildschirmecke angewöhnt. Ich habe ein ganzes ICE-Abteil nach einem kompatiblen Ladekabel gefragt, als mir bei Seite 311, zu Beginn des zweiten Teils, die Batterie leer ging, und tatsächlich fand ich einen bemitleidenswerten Besitzer des gleichen Modells. Ich habe bei Seite 489 den ersten Sonnenbrand des Jahres bekommen und bei Seite 567 vom zwölfjährigen Bruder einer Bekannten gesteckt bekommen, wie sich die Zeit bis zum Einsetzen des Bildschirmschoners auf sagenhafte 30 Sekunden verlängern ließe – was aber zu diesem Zeitpunkt nichts mehr an meiner unerschütterlichen Gewohnheit, alle 10 Sekunden auf den Bildschirm zu tippen, ändern konnte – , ich habe die Kommentarfunktion von Adobe Reader an ihre Grenze gebracht, und als ich bei Seite 641 angelangt das Buch zuschlug bzw. mit dem sechshundertdreiundfünfzigtausendsiebenundzwanzigsten und letzten Tippen in den oberen rechten Bildschirmrand die PDF-Datei schloss…


Kurz gesagt, ich habe selten unter so widrigen Umständen ein so verdammt gutes Buch gelesen. Randgeschichte Ende.

Teil II: Ein paar Randnotizen

  • Gruppe um autoritären Regisseur Christoph versucht, Drehbuch für einen Film zu schreiben, der aus den Ängsten aller Beteiligten besteht
  • In angsteinflößender Situation sollen Teilnehmer°innen von ihren größten und intimsten Ängsten erzählen => Der explizite Horror in den Filmen und Büchern (im Fiktionalen) entspricht dem leisen, bedrohlichen Horror während der Angstsitzungen.
  • <3 (neben den Satz „Ich fühlte mich, als wollte ich mit Fingern ohne Nägel einen Aufkleber von einer sehr glatten Oberfläche ablösen.“)
  • Thematisch vielmehr Spannung zwischen Fiktionalität und Wirklichkeit sowohl in Fiktion als auch in Wirklichkeit
  • sogar Widmung bewegt sich auf dem schmalen Grad zwischen Wirklichkeit und Fiktion („Trotz allem: Für Christoph“ => Regisseur und ehemaligem Studienfreund des Protagonisten gewidmet)
  • Erzählstimme wird zwischen den vorkommenden Personen –ohne Verwendung von Anführungszeichen – weitergereicht, wie Wollknäuel in jener pädagogisch wertvollen Version der Vorstellungsrunde, dreidimensionales Netz am Ende
  • gegen Ende antworten Personen auf Fragen des Protagonisten mit völlig themenfremden Geschichten
  • während einzelne Personen ihre Geschichten erzählen, gibt es Einstreuungen aus der Realität (z.B. jemand hustet, der Gastwirt stellt Nüsse und Chips hin etc.), die einen genauso unwillkürlich aus der Geschichte aufschrecken lassen, einen Moment brauchen lassen, bis man checkt, dass das nicht Teil der erzählten Geschichte, sondern der „realen Ebene“ ist, wie der Protagonist, der in dem Fall nur Zuhörer ist, von außen aus der Geschichte gerissen sein muss. Selbst natürliche Einschübe wie „sagte sie“, wirken wie herausgerissen aus dem natürlichen namenlosen Erzählstrom
  • keine Markierungen von Zitaten als solche, weder bei Christoph (was dem Erzähler auffällt) noch im gesamten Buch
  • Matrioschka: Erzählung in der Erzählung in der Erzählung in der Erzählung…
  • Durchhänger in der Mitte, nimmt gegen Ende wieder an Fahrt auf
  • „Ich stieg in einen Trog, der voll fauligem Wasser war, […] und saß dort wie ein Irrer, der ein Bad nahm. Oder als ein Irrer, der ein Bad nahm.“ – Ein Vergleich, bei dem die Trennung zwischen Vergleichsobjekt und Verglichenem aufgehoben wird, ein rhetorisches Stilmittel, das auf einmal keines mehr ist, sondern Fakt und Realität.

Teil III: Randbemerkungen zu den Randnotizen

Die etwas umständliche Formulierung rund um Fiktionalität und Wirklichkeit kreist um das Paradoxon, dass das Buch sowohl aus vielen kleinen Einzelgeschichten besteht (Berichte von den größten Ängsten verschiedener auch nur kurz auftauchender Personen, andere Geschichten, die sie sich gegenseitig erzählen, Filme und Bücher, die nacherzählt werden,…), als auch eine Realität im Gegensatz zu den vielen Brocken Fiktion konstituiert. Das Ganze ist sehr kunstvoll miteinander verwoben und die Querverweise zwischen den Einzelgeschichten werden im Lauf der Handlung sowohl zahlreicher als auch direkter. Das Ganze führte bei mir zu einer (teilweise paranoiaartigen) Dauerschleife mit der Frage um Fiktionalität und Wirklichkeit: Ich bekam den Eindruck, dass Leute um mich herum nur Bücher und Filme nachspielen: Das leidenschaftlich streitende Paar, die auf der Party so viel Spaß habenden Freundinnen, der seriös-witzige Spaßvogel, überall witterte ich Rollen und fiktionale Elemente, Max Frischs Gantenbein kam hoch, „jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält“, die Frage, ab wann denn nun das Erzählen beginne (wenn man davon ausgeht, dass Erzählen Rede nachahmt und nicht Welt) und die nach Authentizität bei einer mit Fiktionen vollgestopften Wirklichkeit usw. usf.

Chandra Esser

[PROTOKOLLE] ist eine Sammlung von verschiedensten Protokollen, die für und während PROSANOVA | 17 entstehen.