[FLASHBACK] #1 PROSANOVA 11 – Blinklichter pflanzen

Irgendwo da in der Mensaküche muss er sitzen, der Unipräsident. Er sitzt da über seinem Eintopf oder Strudel oder Nudelsalat und schaut sich eine zeitlang an, was die beiden jungen Herren da draußen treiben, mit ihren Tape-Rollen und neonfarbenen Plakaten. Dann schickt er den Koch da mal rüber, seinen bärtigen Lakai.

„Das muss alles weg.“, erklärt der uns, „Der Präsident hat das nicht gern. Die Gefahr, dass da jemand gegen die Türen läuft, ist einfach zu groß.“ Das macht natürlich Sinn: Mit pinkfarbener PROSANOVA-Werbung gekennzeichnete Glastüren sind für das menschliche Auge kaum noch sichtbar. Und zackbumm, schon türmen sich in der Mensa die Studenten mit gebrochenen Schädeln. Das kann niemand wollen. Das sehen wir ein.

Was wir eigentlich anstatt „Ja, in Ordnung“ hätten sagen sollen: „Entschuldigen Sie, Herr Koch, aber wir führen hier Krieg.“ Denn so ist es: Wir führen hier Krieg mit offenem Visier, wir marschieren auf und tragen die leuchtfarbigen Waffen in beiden Händen vor uns her. Wir pflastern das hier jetzt zu. Wir haben keinen Respekt, nicht vor den Fenstern, nicht vor den Säulen, nicht vor den Plakaten der Uni-Menschenrechtsbeauftragten. „Seid dreist!“, hat Artur gesagt und Artur ist schließlich unser Chef.

Vor etwa zwei Wochen schwärmten die PROSANOVA Guerilla-Trupps zum ersten Mal über Hildesheim aus. Innenstadt, Oststadt, Nordstadt, Bahnhof, Domäne, Itzum. Alles muss plakatiert sein. „Es gibt eine legale und eine illegale Woche“, sagt Artur, dann werfen wir uns die Capes über und robben los. Wir pflanzen hier Blinklichter in alle Augenwinkel. 

Erst in der illegalen Woche kommt Sand ins Getriebe der Plakatierungsmaschine. Weil Angst lähmt, die Angst vor den Stromkästen. „Clara hat gesagt, das kann ganz schön teuer werden“, sagt Artur, und wahrscheinlich hat Clara Recht. Möge die Stadt beide Augen zudrücken angesichts der als Werbeflächen schändlich missbrauchten Stromkästen und PROSANOVA mit Bußgeldern verschonen. Die unschöne Seite der Illegalität.

Plakatieren hat mit Ponys Reiten eben nichts gemein. Plakatieren ist gefährlich, Plakatieren wirft die Paranoiamaschine an. Irgendwann ist es nur noch eine Sache von Sekunden: ausrollen, am Klebeband festbeißen, abreißen, ankleben, glattstreichen. Der eingeatmete Klebstoff macht schwach und willenlos, wir sind Plakatierungsroboter. Und: wir sind Künstler. Wir lieben die große Aktion, pflastern ganze Domänentüren zu, nur um festzustellen, dass ein Wochenende reicht, um unser Werk verschwinden zu lassen, vergessen zu machen. In der Steinscheune gegenüber fahren wir die größten Geschütze auf. Das MOMA hat schon angerufen.

Am Ende wird schon alles gutgegangen sein. Und wir sind dann ein bisschen stolz, diese graue Stadt zumindest für ein paar Wochen ein bisschen rot und grün und gelb gemacht zu haben. Die Marienburger Höhe, sagt man, ist im Moment auch vom Mond zu sehen.

Andreas Thamm

[FLASHBACK] umfasst Beiträge von ehemaligen PROSANOVA-Beteiligten.