Utopie II – Raum

Festivals sind utopische Orte. Utopie heißt eigentlich Nicht-Ort. Hildesheim ist ja auch so einer. Warum so ein Ausnahmezustand? Warum überhaupt ein Festival?

Das Festival als Ander-Raum, als Ausnahmezustand, als Umfunktionierung, Umcodierung, Umwertung eines bestehenden Raumes für begrenzte Zeit. Das ist doch das, worauf man sich freut, wenn man Festivals besucht – mehr oder minder lange Zeit die Sau rauslassen, wie an Fasching oder beim Oktoberfest. Festivals sind Heterotopien, – – ia, Foucault funktioniert schon ganz gut, ja, so könnte ein Blogbeitrag zur Raum-Utopie beginnen, damit könnte man anfangen, wenn man es nicht leid wäre, immer wieder dieselben postmodernen Theorien herzunehmen, um an den avancierten Zeitgeist hornbebrillter Geisteswissenschaftsstudent°innen anzuschließen. Probieren wir mal einen Umweg und fangen nochmal ganz von vorne an.

Ein noch unbestimmter Raum, der eigentlich ganz andere Aufgaben hat, wird für ein paar Tage zum Festivalgelände [für Präimpressionen von Leuten, die es kaum erwarten können und ihre heißen Wünsche auf PROSANOVA 17 projizieren, siehe ein Teil der vorherigen Blogbeiträge. Sie sind amazing, believe me.]

Jetzt aber mal Konzentration, ohne einen roten Faden liest das hier doch keiner durch. [Ab hier wird alles besser, believe me, it’s true.]

Der Ausnahmezustand soll also auf einem Gelände hergestellt werden. Aus Strukturen ausbrechen, seien es die alltäglichen des einzelnen Individuums oder die marktwirtschaftlichen des Angebots und der Nachfrage, nach denen auch das Geschäft mit Literatur funktioniert. Literatur für 3 Tage entgeschäften. Entmarkten. PROSANOVA statt Stückemarkt oder Buchmesse. Ausnahmezustände selbst schaffen. Mit Literatur eskalieren. – Aber woher kommt dieser Wunsch nach dem Nicht-Ort des Ausnahmezustands, dem Rausch, dem Oktoberfest, alle betrunken von Literatur und künstlerischer Aktivität? Nach dem Utopos, dem Nicht-Ort? Nach dem avantgardistischen Narrativ des Neuen, des Spektakulären, des ganz Großen? Kunst sei Ausnahmezustand, sei Terror, erklärt die historische Avantgarde. Haben wir nicht genug vom Ausnahmezustand, vom Terror und von der ewigen Sucht nach dem Spektakel?

Vielleicht gerät in diesem Bundestagswahljahr auch in Deutschland die politische Welt aus den Fugen, vielleicht bekommt sie mit einer starken AfD das offene Gesicht, das sie schon seit Monaten trägt, nur besser verborgen unter dem Schleier der CDU/SPD?

Vorher, dazwischen, mittendrin also nochmal Utopie, Endstation Sehnsucht, Endstation PROSANOVA | 17. Einen Nichtort kreieren, der irgendwie genauso ephemer ist, wie eine Brausetablette, die versucht in einer Badewanne zu schwimmen. Ein Tropfen auf den heißen Stein sozusagen. Die ganze Welt scheint im Ausnahmezustand zu sein, ein rasender Zug vor dem Abgrund, bei dem man nicht weiß, ob er die Vollbremsung schaffen wird oder nicht. 2030 soll der Kapitalismus zusammenbrechen, so hört man, alles soll an die Wand fahren, der ultimative Ausnahmezustand seine endgültige Herrschaft übernehmen.

Warum ein Festival, ein selbst geschaffener Nicht-Ort, mitten im Nichts, in Hildesheim? Drumherum ein breites Neonaziland, gedeihende Salafist°innennetzwerke und ein selbsternannter Reichskanzler, der behauptet, die BRD sei eine GmBH, das III. Reich nie zu Ende gewesen.

Die leben in so Schein-Welten und Nicht-Orten.“, sagte neulich jemand über ‚die‘.

Die können aber sehr real werden, diese Nicht-Orte, von denen ‚die‘ träumen.“, denke ich dann.

Und wir? Ist PROSANOVA jetzt real oder irreal? Oder Futur II, es wird real gewesen sein, kurz da, dann wieder vorbei? Literatur im Erlenmeyerkolben PROSANOVA 17 zusammenquirlen und performativ werden lassen? Explosion garantiert?

Begeben wir uns mal raus aus dem Metaphernfeld der Bomben, des Krieges und der explosiv-chemischen Reaktion – sagen wir, … [Pflanzen sind immer gut und umweltfreundlich] wir pflanzen etwas Neues zusammen an einem gemeinsamen Ort; Worte als Schwerter zu Worten als Pflugscharen. Zu biblisch, zu kommunistisch?

Ok, ich habe noch einen Vorschlag, ihr unverbesserlichen, avantgardehungrigen, spektakelsüchtigen Kritiker°innen.

Dazu muss ich aber nochmal kurz ausholen. Der Künstler Dieter Meier stand 1971 in der Galerie Cultural Center New York, einen Revolver in der Hand. Er zitiert den avantgardistischen Surrealisten André Breton, der einst schrieb, der einfachste surrealistische Akt sei, blind in die Menge zu schießen. Folglich Terror zu verbreiten, dem Aufruf von Kunst als Spektakel zu folgen. Über einen langen Zeitraum traute sich niemand zu Meier in die Galerie zu kommen. Bis eine*r den Anfang machte und sah, dass Meier ein Schild zu seinen Füßen gelegt hatte: „This man will not shoot.“, stand darauf.

Es gibt keine Pointe. Dieter Meier hat nicht geschossen. Er hat der Metapher von der Kunst als Feuerwaffe, die Ausnahmezustände schafft und als Ereignis strukturiert ist, einen Knoten in den Lauf gebogen.

Holpernd habe ich mit Foucault begonnen, habe Bruchstücke aus seinem Werk geklopft, abschließend möchte ich sie weiter fördern und bearbeiten, mit seinem Plazet sozusagen, denn Foucault selbst bezeichnete sein umfangreiches, chaotisches Werk einmal als Steinbruch, aus dem man° sich bedienen könne.

Mit Steinen kann man werfen. Man kann aus ihnen aber auch Neues errichten. Ander-Ort heißt ‚Gegenort‘ und in Gegenorten, so Foucault, können sich Utopien verwirklichen, ihre Nicht-Örtlichkeit verlassen, Orte werden, Gegenorte sein. Ganz ohne Ausnahmezustand, sondern mit eigenem Gesetz versehen, temporär zwar, aber immerhin für kurze Zeit eine Enklave der Notwendigkeit des Möglichen, des Utopischen. Als möglicher Raum potentiell anderen Denkens.

Daphne Weber

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.