SOLOs Forderungen

Über zwei Wochen konnten Studierende des Fachbereichs 2 in einem nur ihnen zugänglichen Google-Dokument ihre Diskriminierungserfahrungen im universitären Rahmen beschreiben.
Das Dokument ist nicht repräsentativ, gibt aber einen Eindruck der zahlreichen Diskriminierungserfahrungen Einzelner, und wurde daher an Prof. Dr. Jens Roselt und das Gleichstellungsbüro weitergeleitet.
Auf Basis dieser Erfahrungen stellt SOLO nun die folgenden Forderungen:

Verantwortungsbewusstsein im Studienalltag
Um strukturelle Diskriminierung im Fachbereich 2 zu destabilisieren, wünschen wir seitens der Lehrenden eine höhere Sensibilität für Machtgefälle innerhalb unserer Gesellschaft, der Universität und den Lehrveranstaltungen.

Wir fordern Lehrende und Personen, die in strukturellen Diskriminierungsgefügen eine höhere Position innehaben, dazu auf sich ihre eigenen Handlungsmöglichkeit bewusst zu werden: Dass sie durch Verweigern der Auseinandersetzung gegebener Machtstrukturen diese aufrechterhalten, ebenso dass sie mit einer Auseinandersetzung und Einräumung ihrer Privilegien diese Machtstrukturen destabilisieren können. Die Verantwortung, Diskriminierungsstrukturen in Seminaren nicht zu reproduzieren, muss vor allem von den Lehrenden wahrgenommen werden. Es ist außerdem nötig, das Bewusstsein der Lehrendenschaft dafür zu schärfen, dass diejenigen, die Diskriminierung nicht erfahren, nicht in der Position sind, die Wichtigkeit des Themas zu skalieren. Deshalb sollte Wert auf die Möglichkeit einer ernstgenommenen Mitgestaltung an Veranstaltungsthemen, Gesprächs- und Seminarinhalten, sowie die Besprechung von Diskriminierung in Gremienveranstaltungen gelegt werden.

Wir fordern einen ernsthaften, selbstkritischen Umgang mit dem Thema Diskriminierung von Studierenden- und Lehrendenseite. Wenn beispielsweise problematische Formulierungen und Verhaltensweisen in Seminaren auffallen und angesprochen werden, diskriminierende Inhalte vermittelt werden oder die Homogenität der Inhalte kritisiert wird, muss dies entsprechend reflektiert behandelt werden. Auch dann, wenn der°die Lehrende anderer Meinung ist. Ebenso müssen die Leerstellen thematisiert werden dürfen, wie beispielsweise die Unterrepräsentation von People of Colour oder Transpersonen in Seminarinhalten und den Beschäftigungsverhältnissen im Fachbereich 2.

Wir fordern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Literaturauswahl im Zuge der Vorbereitung auf Seminare, Vorlesungen und Übungen. Falls keine diversere Literaturauswahl geschieht, sollte auf Kritik und Anregungen der Studierenden eingegangen werden.

Die Besetzung von Lehrstellen, HiWi-Stellen und Sekretariatsstellen muss diverser werden. Bei der Besetzung dieser Stellen muss die gängige Praxis berücksichtigt werden, bei gleicher Qualifikation marginalisierte Personen zu bevorzugen und dabei Mehrfachdiskriminierungen zu beachten. Offene Ausschreibung von HiWi-Stellen und anonymisierte Bewerbungsverfahren gehören zu einer diskriminierungsfreien Stellenbesetzung dazu.

Wir wünschen uns ein Bewusstsein für fair verteilte Redeanteile in Lehrveranstaltungen und Institutssitzungen. Das setzt voraus, dass Lehrende und Studierende Ungleichgewichte bemerken und Wege suchen, diese zu beheben. Dafür ist ein achtsamer und höflicher Umgang miteinander verpflichtend. Auf Witzeleien und Anzüglichkeiten in Seminaren (und natürlich auch überall sonst) muss verzichtet werden, da sie zu keinem Zeitpunkt angebracht sind und zudem einen Nährboden für strukturelle Diskriminierung bilden. Außerdem sollten Vorannahmen über bestimmte Gruppierungen und deren Kompetenzen und Handlungsfelder vermieden und verhindert werden.

Es muss gewährleistet sein, dass die Äußerung solcher Bedenken von der Leistungsbewertung getrennt wird.

Evaluation
Wir fordern eine verbesserte Evaluation von Diskriminierungsvorfällen und Machtmissbrauch. Die Möglichkeit der Mitteilung auf den gängigen Evaluationsbögen ergreift diese Vorfälle nur innerhalb der Veranstaltungen und ist nur der°m einzelnen Lehrenden zugänglich. Es sollte deshalb zum Einen ein gesonderter Evaluationsbogen eingeführt werden, der einer dafür vorgesehenen Instanz übermittelt wird (Vertrauensdozierende°r, AstA Referate, Gleichstellungsbeauftragte, externe Supervision etc.). Anschließend können die Ergebnisse an die Dozierenden weitergegeben werden. Diese Instanz sollte sich vermittelnd einschalten können, ohne dass Einzelpersonen in den Fokus geraten. Weiterhin sollte sie die Handlungsmacht bekommen, in gravierenden Fällen und nach eigenem Ermessen Untersuchungen anstoßen zu können. Dieselbe Handlungsmacht sollte grundsätzlich für die Gleichstellungsbeauftragten gelten.

Außerhalb der Evaluationsbögen müssen die Anlaufstellen bei Diskriminierungserfahrungen sichtbarer gemacht werden. Das bedeutet, dass Lehrende und Studierende umfassend über ihre Rechte, Möglichkeiten und die Vorgehensweise der entsprechenden Stellen mit ihren Meldungen informiert werden. Mit den Vorfällen muss vertraulich umgegangen werden.
(Diese Forderung entstand in Zusammenarbeit mit der AG Evaluationsalternativen.)

Zur Weiterbildung für die Dozierenden im Fachbereich 2 wünschen wir uns diskriminierungskritische Workshops, die von Universitätsseite organisiert und als Standard eingeführt werden. Neben Rassismus, Sexismus und Klassismus sollte es auch um weitere Diskriminierungsformen gehen, die in diesen Bezeichnungen nicht erfasst werden und wie diese Diskriminierungsformen ineinandergreifen. Im Workshop sollte sensibilisiert werden für die Mechanismen von institutioneller Benachteiligung und Intersektionalität in der Diskriminierung. Des Weiteren sollten Lösungen für problematische Situationen erarbeitet werden. Die Leitung des Workshops sollte extern übernommen werden, um eine Unabhängigkeit zu gewährleisten.

Wir fordern die Gründung einer unabhängigen Kommission zur Untersuchung und Verbesserung struktureller Diskriminierung im Fachbereich 2, die mit Mitgliedern aus verschiedenen Hierarchiestufen (Studierende, Wissenschaftliche Mitarbeiter°innen und Professor°innen) der Universität besetzt wird. Diese Mitglieder sollen innerhalb der Gruppierung gleichgestellt sein. Aufgabe wäre die Untersuchung und Verbesserung bestehender Abläufe im Fachbereich 2 in Bezug auf Diskriminierung und Machtmissbrauch. Genauer wäre dies zuerst die genaue inhaltliche Vorbereitung der Workshops, zweitens die Fortführung einer Sammelstelle für Diskriminierungs- und Machtmissbrauchserfahrungen, drittens die Verbesserung der individuellen Zugänglichkeit von Anlaufstellen. Die Kommission sollte auch laufend die Diversität in den Literaturlisten, Lehrangebot und in den Beschäftigungsverhältnissen im Auge haben und ggf. gezielte Änderungsvorschläge machen. Grundsätzlich sollte die Kommission bestehende Vorgänge im Fachbereich 2 evaluieren können und mit Handlungsmacht zur Verbesserung ausgestattet sein.

Alle Aufgaben, die zukünftig zum Erreichen dieser Ziele und Vorhaben beitragen, müssen entlohnt werden. Es ist nicht akzeptabel, wenn dies durch studentisches Engagement getragen wird.