[PROZESS] Wenn Sexismus eine Neuigkeit ist

Eigentlich sollte heute ein facebook-Eintrag von mir hier re-posted werden, den ich 2014 am Tag nach PROSANOVA geschrieben habe. Darin geht es um Festivalbändchen, die als Teebeutel-Ersatz in Tassen hängen, verschimmeltes Chili in riesigen Töpfen, in Mikros schreiende Autor°innen und auch ein bisschen darum, dass ich die Literatur liebe und nicht mehr leise sein will.

Jetzt ist 2017, morgen ist das PROSANOVA zum fünften Mal und ich erinnere mich an den Text, mit dem ich am Tag nach Trumps Wahl den [BLOG] des Festivals eröffnet habe. Darin steht: »Ich bin kein Fan vom Teufel an der Wand, aber wenn ein offenkundiger Rassist und Frauenfeind zu einem der mächtigsten Menschen der Welt erhoben wird, für vier lange Jahre, dann weiß ich nicht, wie ich mit meinen Mitteln widersprechen kann.« Obwohl ich unbedingt widersprechen will. Trumps Wahl war nicht der einzige Moment während der PROSANOVA-Vorbereitungen, an dem ich mich das gefragt habe. Wie widersprechen, wenn mir etwas gehörig gegen den Strich geht. Gegen den Strich, weil etwas meinem Weltbild, meinen Wünschen von Gleichberechtigung entgegenwirkt. Nicht weil mir persönlich etwas angetan wurde, sondern weil etwas getan wird gegen die Auflösung diskriminierender Strukturen.

In den vergangenen Wochen enstand im und um das Literaturinstitut Hildesheim herum der Eindruck, dass ein Sexismus-Vorwurf vorallem eine persönlich beleidigende Anschuldigung ist. Es gab diesen Text im Faltblatt von Anonym, der mit dem Satz »Das Institut hat ein Sexismus-Problem« anfängt. Danach gab es viele Gespräche hinter verschlossenen Türen unter vier oder ein paar mehr Augenpaaren, Ärger und schriftliche Stellungnahmen. Was besprochen und weitergetragen wurde, wer wem was vorwirft, wer was zu wem gesagt hat, blieb im Kleinen und ist für niemanden so richtig nachvollziehbar oder zu überblicken. Das bleibt in geschlossenen Sitzungen, bleibt im Mündlichen, was es schwer macht, überhaupt über das zu sprechen, was da außerhalb der Texte und um die Texte herum noch gewesen ist. Obwohl auf so eine Art eigentlich alle dabei waren, sich jede°r Studierende ihren°seinen Teil denkt, mit Kommiliton°innen über alle möglichen Aspekte dieser Sache geredet hat. Eine Vollversammlung etwa gab es nicht, als sei der Vorwurf des Sexismus an ein Institut etwas, was nur die Beteiligten etwas angeht, etwas privates, ein Streit zwischen wenigen, zu dem nur wenige etwas sagen können. Um diesen speziellen Vorfall geht es mir aber eigentlich mit diesem Text gar nicht, denn im Grunde geht es weder um den Faltblatttext, noch um das Literaturinstitut Hildesheim, noch um ein ausschließlich universitäres Problem. Es geht schlichtweg um das System des Sexismus, eine anhaltende Machtausübung der Privilegierten, die man fast überall sieht, die in jede kleine Ecke des menschlichen Seins gekrochen und schwer wieder hervorzulocken ist.

Es geht um die noch andauernde Vorherrschaft des weißen, heterosexuellen Mannes. Um das einmal sehr deutlich zu sagen für diejenigen, die sich von der Terminologie weißer, heterosexueller Mann angegriffen fühlen – darin ist kein Vorwurf formuliert für das weiß– und heterosexuell-und männlich-geboren-sein, denn so ist man eben. Darin kann keine Schuld liegen. Es drückt bloß die Bewusstmachung aus, dass man durch diese angeborenen Merkmale mit dem größtmöglichen Privileg ausgestattet ist, dass man in unserer Gesellschaft genießen kann. Weil man maximal der Norm, dem Akzeptierten, dem Machtvollen und Gesehenem entspricht. Daraus entsteht ein Gefälle, das sich bewusst und unbewusst ausübt, das die Leute sortiert nach wichtig und weniger wichtig. Ein System der Über- und Unterordnung, das noch nicht allen geläufig zu sein scheint, und zu dem ich nie wieder die Klappe halten werde.

Welcher Sache ich an der jüngsten Diskussion um das Literaturinstitut Hildesheim herum widersprechen will, ist der Umgang mit dem Thema. Denn spätestens seit dem Faltblatttext ist das Thema an jede°n im Institut herangekommen. Auch wenn der Text in seinem Ton streitbar ist, wirft er doch ein Thema auf, mit dem sich viele Studierende beschäftigen, was aber bisher nicht offen besprochen wird. Dabei geht es sowohl um Sexismus im Literaturinsitut, als auch um die Ausblendung des Allgemeinthemas Sexismus in der dortigen universitären Lehre. Der Faltblatttext und seine Reaktionen hätte auch bedeuten können, dass eine Vollversammlung einberufen wird, ein Stimmungsbild eingeholt wird, die Ansichten anderer Studierenden und Lehrenden hinzugezogen werden. Wünschenswert wäre es, wenn daraus eine Auseinandersetzung resultiert, ein Gespräch entsteht, vielleicht Externe zu dem Thema zu Wort gebeten werden. Zur Auflösung diskriminierender Strukturen gehört es, allen das Wort zu erteilen. Das Gespräch anzubieten, verstehen zu wollen. Es geht hier nicht nur um die Gleichberechtigung unabhängig von Alter, Geschlecht, Sexualität, Herkunft, Hautfarbe, Körperform, Bildungsgrad, Gesundheitszustand, sondern in dieser speziellen Diskussion allem voran um die Gleichberechtigung von Studierenden und Lehrenden. Um das Über-Machtverhältnisse-hinwegkommen.

Mich hat es während PROSANOVA immer auch beschäftigt, ob das, was wir hier machen überhaupt irgendeinen übergeordneten Zweck hat. Denn das PROSANOVA findet vor allem für die statt, die es machen, die dabei helfen, die es mal gemacht haben, oder die dem Ganzen auf betriebliche Weise verbunden sind. Ist nicht die Politik und die Demos der einzig richtige Ort momentan. Gleichzeitig denke ich, dass ich jetzt nicht alle Entscheidungen, die ich bisher getroffen habe und die mich hierher gebracht haben, wo ich jetzt bin, über den Haufen schmeißen muss, weil ich es eigentlich nicht will. Und vielleicht ist meine Stimme ja überall einfach gleich groß. Denn schon der Gedanke, dass Literatur zu unwichtig ist, dass das PROSANOVA nicht weit genug reicht, dass die Politik der eigentliche Ort ist, wo man jetzt sein muss – auch dies stabilisiert das Machtgefälle, denn du denkst, du bist da unten und hast nichts zu sagen. Schon in dem Gedanken, dass es wichtige und unwichtige Themen gibt, steckt der hierarchische Teufel, denn wie kann ein Thema unwichtig sein, wenn es schon mindestens eine Person interessiert. Mich zum Beispiel.

Was ich 2014 in meinem facebook-Eintrag geschrieben habe, stimmte schon so. PROSANOVA ist euphorisch und voll und schön, nur alle drei Jahre und schnell eine noch viel euphorischer und voller und schöner gemachte Erinnerung. Das soll so sein und soll so bleiben. Aber immer muss Platz sein für dieses Gespräch, müssen wir sprechen können über diskriminierende Strukturen, müssen wir uns beobachten, wie und wo das System funktioniert, auch in uns selbst und dem, was wir machen. Warum wir nicht längst selbst eine Vollversammlung einberufen haben, könnte man sich zum Beispiel fragen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass viele gerade PROSANOVA mitorganisiert haben. Eine einzige große Vollversammlung zum Thema Sexismus, wenn wir das möchten, wenn wir es dazu machen wollen. Oder eine Vollversammlung zu den Verwendungsmöglichkeiten von Einkaufswagen, auch das wäre okay für mich, solange mein Text hier stehen darf und ich dafür nicht wie Jan Böhmermann behandelt werde. Denn ich kenne für mein Widersprechen nur die Texte.

Tatjana von der Beek

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.