[PROZESS] Utopie III – Die geilste Partynacht

Seit auch offiziell bekannt wurde, dass die Fusion dieses Jahr nicht stattfinden wird, und sich die treuen Besucher°innen und die Festivalbetreiber°innen des Kulturkosmos-Lärz einig sind, dass das Festival mittlerweile überlaufener ist als der Frankfurter Flughafen, ist die Devise für Festivalgänger in diesem Jahr eindeutig: „Das Jahr 2017 ist das Jahr der kleinen Festivals“. Je unbekannter, desto besser. Festivalbetreiber°innen haben vor einigen Jahren erkannt, dass immer nur Party, 4 Tage lang, selbst unter dem Einfluss verschiedenster Substanzen, irgendwann ein wenig dröge wird. Jonglieren Lernen, analoge Fotoentwicklung, eigenhändig Surfbretter Hobeln, Schaukeln, Shuffle Board oder ähnliches gehören mittlerweile zum Festivalstandard. Ähnlich geht es den Kulturfestivals im umgekehrten Sinne. Weg vom grauhaarigen alten Mann in Lederjacke, der sich zum Schreiben in seinem staubigen Kämmerchen einschließt, verbissen darauf, sein Werk nie öffentlich zu präsentieren. Literatur feiern.

Mitte Juni 2017, endlich ist PROSANOVA. Viele Menschen haben hart dafür gearbeitet, damit dieses Festival stattfinden kann. Es wurde geschraubt, geredet, zusammengesteckt, gestritten und gelesen ohne Pause. Doch nun wird endlich gefeiert. Der Kopf ist zur einen Hälfte gefüllt mit den Eindrücken der Autor°innen, die heute aufgetreten sind, zur anderen mit den passioniert umgesetzten Workshops. Doch jetzt, das erste kühle Bier in der Hand, die Abendsonne im Nacken, blicke ich über den von jungen wie alten Menschen gefüllten Aldi Parkplatz, in dessen Umgebung das Festival stattfindet. Die Lichterketten zwischen den von Wollschals durchflochtenen Zäunen blinken synchron im selben Rhythmus. Hier und da steigt Nebel durch die Farben. Ich frage mich, wo die Musiker auftreten werden. Der Platz ist ja gefüllt mit kleinen Holzhütten, die sehen aber alle leer aus. Und bei der Bühne, auf der die Autor°innen gelesen haben, ist auch kein Mensch zu sehen. Da steigt plötzlich ein roter Lichtpunkt auf, aus der Richtung der Bahngleise. Und noch ein gelbes. Alle schauen auf und fangen an zu tuscheln. Die ersten bewegen sich in Richtung der Lichter. Ich schließe mich einer Gruppe von Kommiliton°innen an und gehe mit ihnen die Straße hinunter. 

Aus der Ferne kann ich einige hundert Meter entfernt einen Zaun erkennen. Je näher wir kommen, desto klarer wird das Bild. Vor uns liegt ein umzäuntes Gerüst. An dem Gerüst hängen Schlieren, genau erkenne ich es nicht. Es ist mittlerweile fast ganz dunkel. Nur die letzten Lichter des Festivalgeländes leuchten ermüdet vor sich hin. Mit einem Mal schlägt es Funken. Es knallt und sprüht aus allen Richtungen. Eine Windmühle aus Silvesterraketen ragt in der Mitte aus dem restlichen Knallwerk. Es läuft mexikanische Musik. Immer wieder rufen die Leute neben mir „Ay ay ay“ und „ey ey ey“. Nach geschlagenen fünf Minuten ist das Feuerwerk abgebrannt. Die Rauchwolken steigen auf in den kalten Nachthimmel. 
Erst Stille, dann Gelächter. Die Boxen knacken, es rauscht, dann sphärischer Gesang. Ein mir unverständliches Mantra, die Stimmen wabern durcheinander und treffen sich wieder. Die unter dem Zaun angebrachten Lichter leuchten auf, ins Geschehen treten einige Männer und Frauen in Kutten. Sie mauscheln Formeln in sich hinein. Der eine in der Mitte erhebt einen Stab aus tiefschwarzem Holz, an der Spitze ist ein Krokodil eingearbeitet, das sich von unten zum Kopf des Zepters hinaufschlängelt. Es strahlt in grüner Farbe, die Blicke seiner Gefolgen auf sich gebannt. „Oh Ah Uh Ah“, schreit der Anführer und stößt das Zepter in den Boden. Seine Jünger im Kreis um ihn herum fallen kerzengerade nach hinten um und bilden einen Stern. Er selbst setzt sich in den Lotus, seinen Stab in den Schoß gelegt, und blickt zu Boden. Das grün leuchtende Krokodil erlischt. Hinter dem Zaun stolzieren unvermittelt eine Horde Bläser und Pauker entlang, begleitet von Tänzerinnen und Tänzern in enganliegenden silbernen Ganzkörperanzügen. Sie tanzen durch das Orchester hindurch.
Von den Seiten der Blasinstrumente weg schießen Funken auf den Boden. Aus einem selbst gebaut wirkenden Gefährt, an dem zwei große Lautsprecher befestigt sind, summt eine Mischung aus Klezmer und Techno. Das Orchester marschiert geradewegs die Straße hinunter. Alle rennen hinter ihnen her und durch sie hindurch, die Stimmung ist wie mit sechs Jahren auf dem Rummel, einige springen eingehakt im Kreis, andere schlagen Purzelbäume. Am Ende der Straße nähern wir uns wieder dem ursprünglichen Festivalgelände, dessen Existenz ich aus gegebenem Anlass die letzte halbe Stunde vergessen habe. Doch die kleinen Hütten sind verschwunden. Man sieht nur noch die Bühne, die Band verschwindet hinter ihr. Links und rechts der Bühne hängen zwei Boxentürme in der Luft, gehalten von jeweils einem Kran. Das DJ-Pult wird hell erleuchtet. Dahinter steht der Zeremonienmeister mit dem grün leuchtenden Zepter. Er schiebt die erste Platte rein. Es wummert und stampft. Die Menge überschlägt sich vor Endorphin. Der Zeremonienmeister 
lüftet seine Maske. Es ist Guido Graf. Das hätte man sich denken können. Die Nacht hat gerade erst begonnen.

Till Siebert

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.