[PROZESS] Utopie I – Programm

Ich folge der Menge, die sich von der Bushaltestelle über die Straße bis zu dem großen Platz und den Räumen des Festivals schiebt. Sie wird von klingelnden Fahrrädern begleitet, die sich durch die bunten Tops und bedruckten T-Shirts schlängeln. Bevor ich mit der Menschenmasse in die erste Lesung geschwemmt werde, kriege ich noch einen Becher Kaffee in die Hand gedrückt. Die Autorin betritt mit ein paar Studierenden den Raum und geht nach vorne zu ihrem Stuhl.

Sie setzt sich und schlägt das eine Bein über das andere. In ihren Händen hält sie lose Seiten. Das Buch ist noch nicht ganz fertig. Das Cover steht noch nicht und die Blätter in ihrer Hand sind die derzeitig aktuelle Fassung. Der Raum ist groß und hat viele Fenster. Die meisten stehen offen.
Von den Fensterbänken lässt ein Teil des Publikums die Füße baumeln. Der Rest hat sich auf dem Boden und auf Stühlen versammelt. Es wird viel gelacht. Der Moderator beginnt zu plaudern und die Autorin geht mit, erzählt, wie sie die Figuren erarbeitet hat. Dass die eine sie beim Schreiben immer an ihre Englischlehrerin erinnert hat und wie sehr sie diese Frau gehasst hat. Dass ihre Mutter wirklich dachte, man könnte Rotweinflecken mit Weißwein wieder rauskriegen, und alle lachen. Dann liest sie noch ein paar Seiten vor und der ganze Raum versinkt in ihrem Text, lässt die Augen in die Ferne schweifen und die Situationen in den Köpfen aufleben. Ich erkenne mich selbst in den Zeilen und werde eins mit der Protagonistin. Ich fahre durch das Land, ich gehe nicht nur auf Partys, ich erlebe etwas und ich verändere mich. Sie liest die letzten Worte, wirft sie regelrecht in den Raum und gegen die Gesichter. Der Applaus schwappt durch die Sitzreihen und über die Fensterbänke. Und durch die offenen Fenster hinaus.

Tausende Füße wühlen durch den Staub auf dem Platz. Die sinkende Sonne bricht durch die Bäume und knallt auf die Köpfe und Hüte und Haare. Der Geruch von Süßkartoffelpommes und Falafeln steht in der heißen Luft und die Schlangen vor den Imbisswagen. Kleingeld wird aus Hosentaschen gekramt und die letzten Schlücke Gin Tonic werden aus alten Einmachgläsern geschlürft. In Grüppchen stehen die leeren Bierflaschen auf den Stehtischen. Ein Gitarrist sitzt auf einem Hocker und seine Musik schabt über den Staub. Darüber schichten sich die Gespräche.

Alles wankt durch den Nebel. Die Ohren wummern von der Musik. Ich schließe die Augen, lasse mich fallen in dem Rauch. Dränge mich zwischen verschwitzten Körpern hindurch, die mit ihren Armen um sich schlagen und die Beine wild hin und her schleudern. Füße pflügen durch das Konfetti, das den ganzen Boden bedeckt. An den Tischen stehen Gestalten, die in dem bunten Scheinwerferlicht lila Gesichter haben. Sie reden und beugen sich eng zu einander. Es geht ums Schreiben, ums Lesen, um Absätze und einzelne Wörter. Manche haben ein Buch vor sich unter dem Konfetti liegen und streichen hin und wieder über den Einband, fächern die Seiten auf und riechen an den Sätzen. Ich sinke in ein Sofa, neben einer wild diskutierenden und gestikulierenden Gruppe und einem schlafenden Autor, dessen Kopf schlaff auf seiner Brust hängt. Mein Rotweinglas ist leerer als vor dem Gang über die Tanzfläche und ich überlege, wie man Rotweinflecken wohl raus bekommt.

 

Mara Schmitz

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.