[PROZESS] Sitzen auf der Treppe eines Hauseingangs

19. November, 19 Uhr 30, Werkhütte. PROSANOVA | minigolf. Ole fragt am Eingang: „Bist du in eine der Schichten eingeteilt?“ „Nee, ich bin einfach nur viel zu früh da.“

20 Uhr. Der Startschuss ist gefallen, alle Leuchtbändchen wurden verteilt (ich gehöre Team rot an). LED-Knicklichter als softe Brandmarkung und Kennzeichnung der Angehörigkeit zu einer Gruppe, sehr sinnvoll, vor allem bei späterem Gemütszustand. Meine Hoffnung: kurze Wege zwischen den Stationen. Meine Hoffnung: ein leckeres, warmes, alkoholfreies Getränk an der nächsten Station, was mich ein wenig diese don’t drink and drive-Misere vergessen lässt.

20 Uhr 05, vor der Werkhütte. „Bist du schon fleißig am Protokollieren?“

20 Uhr 08. „Nach einem Satzende folgt ein Satzanfang.“ – Erkenntnis von Lasse und Colja.

20 Uhr 10, Moltkestraße 68. „Es gab einen Urknall. Daraus ist Prosanova entstanden.“

20 Uhr 30, &büro, the_machine. Schön gestalteter kleiner Raum, warme Luft und warme Getränke die gefrorene Hände wieder auftauen. Das Leben kann so schön (einfach) sein, wenn es November ist. Um was es jetzt hier genau geht habe ich nicht so ganz verstanden, aber ich habe mir sagen lassen, dass die heiße Schokolade mit Schuss schmecken soll. Nächstes Mal fahre ich mit Fahrrad. Ganz bestimmt.

20 Uhr 53, Kesslerstraße, lyrik_cloud. Es riecht nach Kürbissuppe und billigem Fusel. Sitzen in einem abgedunkelten Raum und lauschen Worten und Geräuschen. T. betritt den Raum, hockt sich neben mich, ohne mich zu erkennen, und stützt sich auf meinem Fuß ab, ohne sich zu entschuldigen. „Und dann denke ich, jetzt weißt du, wo die Zeit wohnt.“

20 Uhr 57, Moltkestraße 12. Betretene Stille nach „Girls Just Wanna Have Fun“. Ein Kuckuck. Niemand bekommt das Pfefferspray aus dem Automaten. Ein Handy klingelt, Lasse geht ran. „Blödmann“. Das Pfefferspray fällt um. Die Zirkusmusik treibt alle in den Wahnsinn.

21 Uhr 15. Maximale Verwirrung bei Vorlesung, als jemand mit Donald Trump-Maske in Satinbademantel unter technischen Problemen auf seinem iPod Sektgläser austeilt. Oder: Trump in silbernem Glitzer-Suit lässt Sektkorken knallen.

21 Uhr 45. Ausgezeichnete Karottensuppe in Goethestraße. Woher kommt diese Affinität zu Sukkulenten? Wie können sich all die Leute diese wunderschönen Wohnungen leisten? Und warum wohne ich immer noch im Wohnheim?

22 Uhr 01, &büro, the_machine, again. Ein Kommilitone fängt an zu pöbeln: „Ich seh’ doch, dass du Scheiße schreibst! Lass mich mal!“… „Und was ist, wenn wir einfach mal machen? Wenn man einen Stein horizontal über das Wasser wirft, entstehen viele kleine Kreise um ihn herum an der Oberfläche. Der Stein empfindet dabei nichts. Aber wir schon.“

22 Uhr 44. Sind Pizza essen. K. isst die gefallenen Paprikastücke von der Tischplatte. K. will Döner.

Kollektives Schlendern zur Jakobistraße in Eiseskälte.

Hört auf zu lachen! Wer wird hier eigentlich interviewt?

23 Uhr 01, BELLA-Lager. Notiere eine Geburtstagsgeschenkidee für B.: Er hätte gerne eine biegbare Taschenlampe. Ein Hund hängt an der Tür.

23 Uhr 15, auf dem Weg zur fünften Station. Ich werde von ein paar wildfremden Studierenden gefragt ob ich „Ninja“ mitspielen würde. Gruppe sucht durstig den Kiosk auf, um den Bierrückstand der letzten Stationen auszugleichen.

23 Uhr 17, Kennedydamm. Ein Rollerfahrer mit Weihnachtsmannmütze auf dem Helm.

23 Uhr 30. Sind am Bahnhof und essen Döner. Bzw. K. isst Döner.

00 Uhr 49, gegenüber der Werkhütte. Sitzen auf der Treppe eines Hauseingangs. Aus dem ersten Stock dröhnt Seeed.

01 Uhr 40, Tanzfläche. 1A-DJs. Da hinten wirbelt es. An der Wand hinter dem DJ-Pult wirbelt es eine Spirale auf mich zu, vom Innersten der Wand her wirbeln dornenartige Dinger auf mich zu, soll das Frequenzen darstellen, sollen das Frequenzgebilde sein, keine Ahnung.

01 Uhr 43. Jetzt ist da ein Auge, das immer größer wird. Jemand bietet mir Seife an.

01 Uhr 51. Frische. Luft. Feststellung: die Werkhütte bietet eine coole Atmosphäre, ist jedoch eindeutig zu klein.

01 Uhr 52. Sitzen wieder auf der Treppe und reden über Verliebtheit. Aus dem ersten Stock schallt Nena: „Liebe wird aus Mut gemacht.“

02 Uhr 24. Sitze auf dem Tisch beim Klo und tippe in mein Handy.

02 Uhr 29. Ein Kerl vor mir hat grüne Lichtpunkte im Gesicht. Er hebt die Hände über seinen Kopf und tanzt.

02 Uhr 36. Der Kerl hält seine Hände in das Projektorlicht. Die Hände schwingen langsam zur bassgeladenen, aber melodischen Musik, ich sehe Lichtstreifen auf seinen Armen, seine Finger bewegen sich leicht mit.

02 Uhr 37. „Der Track geht jetzt schon ewig.“

03 Uhr 15. Kompliment an die Granatapfelpuler_innen; Die kleinen roten Kerne sind der Knaller. Blendende gelbe Neonröhre über der Bar. Auftürmende Club-Mate und Hildesheimer Pils-Kisten.

03 Uhr 45. Im Keller wird übersteuert. Die Gäste machen sich rar.

05 Uhr 30. Chillen in der Küche und haben den Milchreis anbrennen lassen. Überlege, wo ich das Leuchtbändchen korrekterweise entsorgen müsste. Hätte gern ein Festivalbändchen von dem Abend.

[CUT] aus Notaten von Eric Voigt, Hannah del Mestre, Lennard Kühl und Leonie Lerch.

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.