[PROZESS] Rollkragenpullis und Ginsberg-Brillen


Insg. 90 Per­so­nen anwe­send, bei 60 Sitz­plät­zen.

Davon tra­gen:

13 Horn­bril­len (oder wie wir sagen: Gins­berg-Bril­len)

18 einen gera­den Pony

14 Fischer­müt­zen

16 Roll­kra­gen­pull­over

6 Tur­ban

11 die Kom­bi: Anzug­ho­se, Sports­trümp­fe, Trai­nings­schu­he

und
10 könn­ten Sta­tis­ten aus Har­ry und Sal­ly sein.

17:45, vor dem Ein­gang
Wir ste­hen vor der Bar Alter Roter Löwe Rein und es ist schei­ße kalt. Mir wur­de gesagt, ich soll etwas frü­her da sein, damit ich noch einen Platz bekom­me, und da bin ich jetzt und rau­che. Da ist noch so ein Typ aus Leip­zig mit blon­den Haa­ren, der mit sei­ner Hemd-Sak­ko-Kom­bi nicht wirk­li­ch in die hip­pe Ber­li­ner ‚Anzug­ho­se-Sportso­cken-New­Ba­lan­ce-Schu­he’ Sze­ne passt, und redet von Lite­ra­tur. Klar, dar­um geht es hier ja auch, bei Skrip­tor, um unfer­ti­ge Lite­ra­tur. „Voll span­nen­des For­mat aber, so eine öffent­li­che Text­werk­statt… Da kann man den Schaf­fens­pro­zess so rich­tig mit­ver­fol­gen,“ sagt er, wäh­rend ich mei­ne Ziga­ret­te aus­tre­te.

18:00, Saal
Ich habe mir ein Bier bestellt, sit­ze auf einem der Stüh­le und bin ganz froh dar­über, denn vie­le müs­sen ste­hen. Man muss sich das vor­stel­len wie die­ses Gemäl­de zum Ball­haus­schwur. Das Set­ting passt, nur ist es hier eben etwas klei­ner, auch nicht Ver­sailles, son­dern Neu­kölln, aber über­all ste­hen Ker­zen, und vie­le jun­ge Men­schen eng bei­ein­an­der und tuscheln, über kul­tu­rell wert­vol­les Zeug. Eben nur mit dem Unter­schied, dass es hier nicht um die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, son­dern um jun­ge Lite­ra­tur geht, aber so wich­tig ist das ja dann auch nicht. Alle tuscheln, dann eine Ansa­ge, dann kommt der ers­te Text. Vier Leu­te bespre­chen ihn, davon sind Lean­der Fischer und Shi­da Bazyar unglaub­li­ch elo­quent, und die ande­ren drei… auch ganz okay. Dann strei­ten sie eine Stun­de und das ist dann ganz wit­zig, vor allem wegen Lean­der, der alle immer in Grund und Boden argu­men­tiert, woge­gen nur Shi­da stand­hal­ten kann. Auf jeden Fall ist das auch sehr anspruchs­voll und man merkt: Die durch­schau­en den Text. 

19:00, Pau­se, drau­ßen
Ich zün­de mir eine Ziga­ret­te an und ler­ne P. ken­nen, die jetzt ein Buch her­aus­bringt. „Ganz schön ver­saut aber,“ sagt sie und zwin­kert mir zu. Es scheint irgend­wie von psy­che­de­li­schen Sex­aben­teu­ern zwi­schen zwei Frau­en zu han­deln, was es so in der neu­en Lite­ra­tur angeb­li­ch noch nicht gibt. Dann reden wir über Skrip­tor und begin­nen zu strei­ten, dar­über, ob wir das bis­her gut oder nicht gut fan­den, und bald bemer­ke ich, dass fast alle hier strei­ten. Ich bin dann schon sehr beein­druckt, dass sich so vie­le jun­ge Men­schen in Ber­lin tref­fen, um in Roll­kra­gen­pul­lis und Gins­berg-Bril­len über Lite­ra­tur zu strei­ten. Die­se ist, wie ich erfreut fest­stel­le, doch nicht aus der Mode. Das ist die gute Nach­richt.

19:10, Innen
Es wer­den Gedich­te von Sas­kia War­zecha gele­sen, die es in das Fina­le des 24. open mike geschafft haben. „Das sind immer die Momen­te, in denen ich den­ke, dass Lyrik unglaub­li­ch ein­fach ist,“ flüs­tert man mir zu. Ich nicke, glau­be, ich kann das gut nach­voll­zie­hen. Die Textwerkstättler°innen wer­den aus­ge­tauscht und wer­fen sich jetzt prä­ten­tiö­se Leer­sät­ze, wie: „Die Syn­tax refe­riert über die Selbst­kon­sti­tu­ie­rung des Sub­jek­tes in einem Geständ­nis der Zeit.“ Oder: „Ich ver­ste­he zwar nicht, wie­so ein Aus­ru­fe­zei­chen hin­ter dem Kom­ma erscheint, aber ich fin­de das irgend­wie gut.“ Oder: „Ich moch­te die­sen einen Satz…“ an den Kopf. Schnell bekom­me ich das Gefühl, dass die Textwerkstättler°innen der Kunst­frei­heit wegen ver­su­chen, die Anein­an­der­rei­hung wahl­los auf­ge­grif­fe­ner Worte zu legi­ti­mie­ren, die für die/den Leser°in abso­lut unzu­gäng­li­ch ist.

Mög­li­ch, dass ein­zel­ne Sät­ze geil sind, aber wie­so muss ich dafür dann ein Gedicht lesen?“ höre ich es neben mir und wie­der kom­me ich nicht umhin, zustim­mend zu nicken. Und dann mel­det sich tat­säch­li­ch P., die ver­sau­te Roma­ne schreibt, und sagt: „Ich hab das Gefühl, dass es hier nur dar­um geht, prä­ten­tiös über Lyrik zu labern.“ Ein Mäd­chen klatscht, vie­le schau­en erleich­tert auf, und die Textwerkstättler°innen hät­te nun, wären sie Zei­chen­trick­fi­gu­ren, sicher Flam­men in den Augen ste­hen. P. sagt näm­li­ch nicht nur das, son­dern redet sich regel­recht in Rage und hat anschei­nend, wie mir gesagt wird, ihre Ex vor sich sit­zen. Das alles ist sehr span­nend und wird dann auch noch pathe­ti­sch, als eine sagt, dass es dar­um gin­ge, die Wahr­heit in der Kunst zu fin­den, und das in Lyrik wie die­ser wun­der­voll funk­tio­nie­re.

Ich kom­me dann doch nicht umhin, mich zu fra­gen, ob sie ein­fach von der Post­mo­der­ne nichts mit­be­kom­men hat, oder ob Lyriker°innen nicht ein­fach die Esos der Lite­ra­tur sind. Natür­li­ch kann man das so pau­schal nicht sagen, wegen einer Lyrik-Werk­statt. Aber wol­len tut man das schon. 

Irgend­wann ist dann auch das vor­bei und vie­le blei­ben noch, um sich wei­ter zu strei­ten. Und das ist gut.

Nora Had­da­da

[PROZESS] ist die Text­rei­he aus der Ent­ste­hung des PROSANOVA | 17.