[PROZESS] ohne Pferdeklappen um die Schreibtische

Workspaces, das sind diese Orte, an denen sich Menschen treffen, um gemeinsam an Ideen zu arbeiten. Die neuen Großraumbüros, nur ohne Pferdeklappen um die Schreibtische und ohne Schreibtische. Orte, wo alles fließen kann. Großzügig und weit und weiß stelle ich mir die vor. Mit großen Sesseln, in denen sich alle ausruhen können von der ermüdenden Arbeit am Laptop und vom regen Ideenaustausch. Orte, an denen innovativ gedacht wird und neu und quer. PROSANOVA 17 ist schon quergedacht, und darum brauchen wir auch einen Workspace. Also treffen wir uns jetzt einmal pro Woche in einem alten Ladengeschäft in Hildesheim, das Studierende mieten, um dort Lesungen, kleine Konzerte, Ausstellungen zu organisieren. Das &büro wurde liebevoll mit wenigen Mitteln renoviert, zu einem schönen Allzweckraum gestaltet. In der Ecke steht ein Ofen, die Wände sind unverputzt. Unser erstes Treffen gestaltet sich folgendermaßen:

Marina feuert den Ofen an. Es ist zehn Uhr morgens. Jasmin hat ihre Handschuhe verloren und trägt rote Plüschsocken an den Händen. Dass die Sukkulenten im Schaufenster das aushalten, denke ich mir, während ich meine Finger fest um die dampfende Teetasse schließe.

„So“, sagt Marina zufrieden, „Jetzt ist der Ofen an. In zwei Stunden ist es warm.“ Tatjana, Zoë und Jasmin unterhalten sich unterdessen über ihre Friseur°innen. Jasmin hat kürzlich erst gelernt, dass man keine Fotos mehr mitbringt, um die Wunschfrisur zu zeigen. Das ist out.

Alle fünf Minuten geht die Ladentür auf und jemand kommt herein. Eigentlich müsste ein Luftzug bei jedem Öffnen zu spüren sein, aber der Temperaturunterschied ist zu gering. Halb elf, das Feuer geht aus. „Dieser Ofen ist heute echt eine Bitch!“, flucht Marina, während sie im Holz rumstochert und kräftig in die Glut pustet. Es sind immer noch nicht alle da. Diejenigen, die da sind, sitzen, die Schultern hochgezogen, in ihren Winterjacken im Laden herum und warten, dass etwas passiert. Es passen nicht alle an den schmalen Tisch, deshalb sitzen manche auf der Fensterbank und andere stehen. Zoë und Tatjana erzählen uns, wer alles zum PROSANOVA eingeladen wurde. Zoë sagt nach jedem Namen, „kennt ihr wahrscheinlich auch nicht“. Zoë sagt, „wir haben uns achtzig Formate fürs Festival ausgedacht“. Tatjana sagt, „wenn Zoë achtzig sagt, dann meint sie drei“. Ich glaube, es geht doch nicht um die Lesungsformate, sondern um etwas anderes, aber ich höre nicht mehr zu, weil Elisa neuen Tee bringt und ich unbedingt etwas davon abbekommen muss. Er ist schon zum dritten Mal aufgegossen und schmeckt nach nichts, aber das ist egal, Hauptsache heiß. Irgendwann, so gegen elf, packen alle ihre Laptops aus. Jetzt muss das aussehen wie ein richtiger Workspace von außen. „Seht her! Das ist mal ein Feuer!“, ruft Marina freudig und zeigt auf die Flammen im Ofen. Alle blicken kurz von ihren Bildschirmen auf, um dann sogleich vertieft weiter zu scrollen und zu tippen. Jasmin, Ralf und Zoë suchen Jingles für den Trailer. Einer gefällt ihnen besonders, den spielen sie mehrmals hintereinander ab. Im Kopf beginne ich, ihn mitzusummen. Um halb eins sind wir fertig. Nachdem Tatjana alle zwanzig Minuten geflüstert hat: „Nächstes Mal gehen wir ins BELLA-Büro. Da gibt es eine Heizung und niemand singt. Team Spirit hin oder her.“

Beim nächsten Treffen ist der Ofen schon an, als alle kommen. Und es gibt Äpfel und Schokolade. Die hat Lasse besorgt, er sorgt für den guten Teamgeist, das ist kein Scherz: bei PROSANOVA gibt es jemanden, der sich ganz explizit um das Wohlbefinden des Teams kümmert. Das sollte es überall geben! Jasmin knipst Fotos von allen für die Website und das Raum-Team sammelt alte Weinflaschen und Marmeladengläser für die Deko. Es gibt jetzt auch immer Updates zum Festival. Bald ziehen wir um, in das eigentliche PROSANOVA-Büro. Das wird dann auf dem Festival-Gelände sein. Auf dem Festival-Gelände wird alles anders, sagen die anderen, die schon letztes Mal dabei waren. Wir ziehen erst ab April in das neue Büro, weil wir erst dann in die alten Hallen dürfen, die wir von der Stadt mieten – naja mieten nicht so wirklich. Eher zeitweise und legal besetzen. Mir fällt auf, dass ich immer noch nicht die Namen von allen kenne, und dass jede Woche andere Leute da sind, als die Woche zuvor. Das liegt aber an den Semesterferien und nicht an unserer Arbeitseinstellung. Wenn das Semester wieder losgeht, dann sind alle wieder da, dann können wir wirklich alle gemeinsam an dieser Querdenker-Idee, dem PROSANOVA 17 arbeiten in unserem neuen Büro, dann ist es auch schon Frühling und wir brauchen keinen Ofen mehr. Bis dahin kuscheln wir uns zusammen und brainstormen fleißig weiter.

Hannah del Mestre

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.