[PROZESS] Ich sag dir was oder: es wird gebaut

Ich sag dir, da entsteht was. Es wird gemessen. Gehämmert, gebohrt, geschliffen, gesägt und poliert, auf Hochglanz. Die Hallen sind groß. Räume, die von vergangenen Geschichten erzählen, verstaubt und vergessen. Putz, der von den Wänden bröckelt. Stahlträger, die nichts mehr zu tragen haben. Blumen, die sich bis zum Aldi ranken. Es wird gestaltet. Gedacht, gebogen, gefeilt, gewogen und entrümpelt. Dein Keller, mein Keller und wiederbelebte Schätze, denen das Leben neu eingehaucht wird. Wir brauchen noch mehr Äste. Wie lebendige Riesen hängen sie bald herab. Spreizen ihre Finger, ihre Arme im goldenen Licht unter den Scheinwerfern. Werden beseelt mit Worten und angehaltenem Atem. Ich sag dir, da entsteht was. Geradeaus Denkende grübeln im OBI. Schummriges Licht, lachende Gesichter. Ein Augenpaar, das sich trifft, das sich festhält. Das sich langsam aufeinander zubewegt, bis sie sich neue Worte zuflüstern und gemeinsam anstoßen, sich dabei fest im Blick. Ich sag dir, da entsteht was. Wir brauchen mehr als eine Bar. Wie groß soll sie werden? Es wird geplant. Geputzt, geschätzt, gestrichen, gesucht und entworfen. Fahrräder warten auf Schrauben und Reiter. Ein kleines Haus wartet auf Licht.

Draht, Papier und großes Chaos warten auf Ideen. Farbe wartet auf den Pinsel. Bischofskamp wartet auf den Juni. Es wird gewagt. Gemalt, gefaltet, geraucht, gefroren und ersetzt.
Bald mit geschlossenen Augen den Wörtern eines Anderen lauschen und der Stille danach. Nicht lokalisieren, wo du gerade bist, gefangen in einer Geschichte und noch nie so frei. Schweigen, die gelesenen Wörter hallen noch in deinem Kopf. Die Stille macht ihr Maul auf und schluckt dich in einem Stück. Du tobst in ihr, du beißt, du kratzt, du liebst, du nippst an deinem Bier. Und machst die Augen auf. Stellst dein Bier neben dir ab und applaudierst. Bald, denn da entsteht was. Wir brauchen noch mehr Kraniche. Die Abende sind warm im Juni. Du gehst raus, leckst das Papier und rauchst den Tabak. Feuer gibst du weiter. Du stehst da, schaust in den Himmel. Da sind Musik und Gesichter, aber nur ganz kurz wegen des Feuers. Und wenn der Augenblick reicht, dann siehst du Papier und Tabak und dahinter zufriedene Augen. Im Juni. Noch tragen sie Masken und schlagen auf die Wände. Alles muss weiß und glatt werden. Sie schmeißen mit der Farbe, sie erschaffen neue Oberfläche. Sie wischen sich den Schweiß von der Stirn und am Abend kehren sie erschöpft nach Hause. Und glücklich irgendwie. Ich sag dir, da entsteht was. Was Großes.

Janne Schröder

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.