[PROZESS] es war kalt und grau und wir waren euphorisch

Vor über einem Jahr haben wir damit begonnen, einen Ort zu suchen, an dem ein Literaturfestival stattfinden kann, sind mit unseren Fahrrädern die Stadt abgefahren, haben vor zugenagelten Fenstern gestanden, sind über Zäune geklettert, haben uns herumführen lassen von einem Mann im hellgelben Poloshirt und mit Audi vor der Tür. Wir haben recherchiert wie teuer es wäre 50 Container zu mieten oder 30 Jurten, haben am Hafen nach leeren Produktionshallen gesucht, standen in ehemaligen Kasernenräumen, in denen noch einen Monat zuvor Geflüchtete untergebracht waren, haben Autowaschanlagen, Parkhäuser und Bahnhofshäuschen besichtigt und gehofft, dass das Wasserparadies doch noch pleite geht.                                                                   Das Jahr ging herum und wir hatten noch immer nichts in Aussicht. Wir schliefen schlecht und in unseren Träumen fand das Literaturfestival in zu kleinen Räumlichkeiten statt, die Stimmung war am Tiefpunkt. Gleichzeitig begannen wir uns zu fragen, ob sich die ganze Arbeit überhaupt lohnte, ob es angemessen war, zwei Jahre lang alle Energie darauf zu verwenden, dieses Literaturfestival zu organisieren und aufzubauen, wenn es selbst doch nur vier Tage gehen würde.                                               Darauf wussten wir keine Antwort und lenkten uns zuerst ab mit Korrekturlesen, dann mit Großversand. Es wurde März und wir wurden nervös. Einen Tag später rief uns Herr Homeister an, der für die Stadt arbeitet, Leerstände verwaltet und uns seit dem Beginn unserer Suche unterstützte, wo er nur konnte. Es gebe da eine Hausverwaltung, die den zur Zeit leerstehenden Aldi Markt in der Nordstadt kaufen wollte, und denen dazu eine weitere Halle, nur eine Querstraße weiter, gehörte. Wir hüpften mehrmals in die Luft und machten sofort einen Termin.

Zur Besichtigung trugen wir unsere Daunenjacken, der Himmel hing tief. Frau Weniger begrüßte uns herzlich und gemeinsam gingen wir über den leeren Aldi Parkplatz. Ein Kleidercontainer war aufgebrochen, Müll lag herum. Durch die Fenster schauten wir in den ehemaligen Discounter. 800qm Freifläche. Auf dem Boden war noch der Abdruck der Kassen zu sehen.                                                                                                                                                                                                           In der Dieselhalle klackten die Leuchtstoffröhren und wir stellten uns vor, wie es wäre, diese 700qm zu bestuhlen, zu bebauen und so zu modulieren, dass hier unser Literaturfestival stattfinden könnte. Es fühlte sich absurd an, weil da etwas, das die ganzen letzten Monate so abstrakt gewesen war, nun endlich Gestalt annahm und vorstellbar wurde.
Zum Abschied gab uns Frau Weniger die Hand und sagte, sie würde sich freuen, wenn das Literaturfestival in die Nordstadt kommen würde. Wir waren erleichtert. In den nächsten Tagen kontaktierten wir Rasselmania und Alpha Immobilien, ihnen gehören die Hallen neben dem Aldi Markt, auf dem Nachbargrundstück. Noch in der selben Woche bekamen wir Besichtigungstermine. In der Eisenhalle lag Laub auf dem Boden und das Wasser tropfte aus einem Hahn, bei Rasselmania schien das Sonnenlicht durch die Fenster. Wir schüttelten erneut Hände, hüpften oft in die Luft und erhielten eine Woche später die Mietverträge.                                                                      Wir hatten einen Ort für das Literaturfestival gefunden und waren heilfroh.
Am 3. April wurden uns in der Nordstadt dreizehn Schlüssel überreicht, wir waren jetzt Mieter°innen von vier sehr großen, sehr leeren Hallen, in denen man Fahrradfahren kann oder Roller Skates oder andere Sachen, für die es viel Platz braucht.

Am ersten Tag auf dem Gelände haben wir im Team mit Sekt und Orangensaft angestoßen, es war kalt und grau und wir waren euphorisch. Das war der Anfang. Seitdem klettern wir in Container, klauen Paletten aus Hinterhöfen, durchforsten Ebay-Kleinanzeigen nach Sofas, die zu verschenken sind, nehmen Aquarien oder Holzreste vom Sperrmüll mit, fahren zum Baumarkt – oft. Wir schrauben, wir sägen, wir bohren, wir spachteln, wir streichen, wir flexen und wir verschütten Cola zum Entrosten. Die Hallen sehen immer weniger so aus wie bei unseren ersten Besichtigungen und manchmal zweifeln wir noch, denn es ist eine Heiden Arbeit, an jedem Tag. Aber viel öfter denken wir, dass es doch magisch ist. Magisch, weil wir etwas aufbauen, dass man nur an vier Tage erleben kann. Danach wird es den Ort und dieses Literaturfestival so wie an diesen bestimmten Junitagen nicht mehr geben. Es ist ein einmaliger Versuch und 2020 wird es wieder ganz anders sein und gerade das ist doch so spannend, die ganze Arbeit hin oder her.

Helene Bukowski

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.