[PROZESS] ein Urknall im &büro

Da die Parkplatzsituation in Hildesheim nur selten für Überraschungen gut ist und heute mein Glückstag ist, bin ich etwas zeitiger am &büro, als angedacht. Mir öffnet ein freundliches Gesicht die Tür. J. stellt sich und die Location vor. J. schreibt zurzeit an ihrer Masterarbeit für Philosophie und Medien und arbeitet nebenbei hier. Wir halten Smalltalk über philosophische Fragen des Alltags und über den Weihnachtsmarkt, der heute eröffnet. Dabei schält sie mit dem Messer Orangen und erklärt mir nebenbei die Zubereitung ihres fancy Santa-Punschs, der heute im Laufe des Abends ausgeschenkt wird.

Zutaten für einen fancy Santa-Punsch:

  • Apfelsaft
  • Orangenschalen
  • Nelken
  • Zimtstangen
  • wahlweise Gin oder Amaretto oder beides

Vor mir auf dem Boden liegt verstreut ein Haufen Holz. „Das ist Teil der heutigen Performance“, sagt J., während sich der Raum mit einem Duft von Orange und Nelke füllt. Es vergeht ein wenig Zeit, bis die ersten Leute von der künstlerischen Leitung kommen. O. bemerkt, dass die rote Lampe auf dem Kühlschrank neu ist. J. nickt und sagt: „Rot macht das ganze schon ein wenig Porno, weil Literatur auch ein bisschen Porno ist.“ O. lacht, setzt sich und schaut auf den Haufen Performance-Hölzer, die vor ihm liegen. M. bemerkt den sonderbaren Geruch im &büro: „Hier riecht es total nach Sauna!“ H. sucht nach Licht, da der Raum ein wenig dunkel wirkt. Die Frage ist: Teelichter oder Neonröhre? Z. kommt rein und überbringt M. einen Zettel. Es wird die Schrift entziffert. „Soll das ein @ sein?“ – „Das ist doch ein K!“ T. betritt mit dicker Jacke den Raum, sieht den Haufen Holz und fragt: „Soll das in den Ofen oder eine Installation werden?“ Eine Stimme aus dem Hintergrund antwortet: „Es ist eine schon eine Installation und du bist ein Teil davon.“ Gefragt sind Teamwork, Ausdauer und viele Hände. Die Message des Abends soll das Schichten einteilen und das Schichten von Holz sein. So stapeln nun in den nächsten dreißig Minuten M., J. und Z. die Hölzer und der Rest trägt diese vom großen Haufen am Eingang heran. Z. wünscht sich Musik. Alle nicken zustimmend, die Stereoanlage wird aufgebaut, dann ist weihnachtsliches Klingen und Flöten zu hören.

Als sich das Stapeln dem Ende nähert, droht die Holzwand zu kippen. M. redet ihr gut zu, doch das hilft nicht. Plötzlich ein Urknall! Die Performance stürzt unter Schreien komplett in sich zusammen. M. sagt: „Kunst muss wehtun“ und hält sich die Hand. Z. betrachtet den Haufen. „Es hat jetzt etwas sehr organisches“, sagt sie, während J. Holz im Kamin nachlegt. Nun werden Konzepte entwickelt, wie die Konstruktion, nachdem sie aufgebaut ist, auch stehen bleibt. J. schenkt in der Zwischenzeit gegen eine kleine Gebühr ihren Drink aus.

Nach kurzer Zeit steht die gestapelte Holzwand wieder. Diesmal nur auf der anderen, breiteren Front des Raums. Es wird überlegt, wie man diese Performance nennen könnte. Urban LandArt, Kunst im Raum oder doch Naturkunst?

O. versucht eine Neonröhre neben dem Kühlschrank zu installieren. T. spielt Minitischtennis gegen sich selbst. Der Rest überlegt, wie man eine Drehbühne bauen könnte. Zwischendurch wird Dürüm geholt, Zigaretten gedreht und Geld gezählt. „Was geht eigentlich am Wochenende?“ – „Werkhütte!“ Der Abend verschwimmt langsam zwischen Broadcast-Ideen und interaktiver Literatur. Brainstorming.

T. geht zum Doppeldonnerstag noch ein paar Drinks im THAV abstauben. O. sagt zu Z.: „Ich mache dich fertig mit Slack man!“ und geht. M. bekommt von J. die Anweisung wie sie das &büro abschließen soll, da M. heute wohl ein wenig länger hier bleibt. P. und L. tanzen kurz, bis sie merken, das die Veranstaltung tot ist und die Leute gehen. M. macht den Kamin aus. Kleine Aschefäden ziehen durch den Raum. Es riecht nun nach Ruß und Zitrone. Oder nach einer Sauna, die abgebrannt ist. Der Abend ist vorbei, aber PROSANOVA | 17 fängt gerade erst an.

Eric Voigt

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.