[PROZESS] Anfangen


Hallo Hildesheim. Die Bahnhofsallee ist gar keine Allee, weil sie keine Bäume hat. Stattdessen empfängst du mich mit deinen grauen Gebäuden, grau wie die Wolken am Himmel, grau wie der abgenutzte Asphalt unter meinen Füßen.

Hildesheim.
Ist nicht Heidelberg. Oder Hamburg. Oder München.

Also nenn es nicht so.
Ich bin jetzt hier, in Hildesheim, in Hildes Heim.
Wer Hilde ist? Weiß ich auch nicht.
Ich werde sie kennen lernen, hoffe ich.
Also gib ihr eine Chance. Für mich. Ok?

Am Anfang einer Beziehung steht erstmal das Kennenlernen. Durch deine Straßen bin ich gewandert, in den Gesichtern der Menschen habe ich gelesen. Ich bin sogar in den Wald gefahren, habe mich auf Flohmärkten rumgetrieben und Bücher gekauft, die immer noch nicht gelesen wurden. Pläne für mein Zimmer erstellt und wieder verworfen. Mich durch das Vorlesungsverzeichnis geklickt, bis ich das Chaos nicht mehr überblicken konnte. Auf dem Dachboden gestöbert, bis an meinen Fingern der Staub klebte.
Und du? Wie hast du mich gesehen? Verstreut und allein, ziellos umher streifend, Ausschau haltend nach, ja nach was eigentlich. Nach dir? Dich rauchend vom Balkon beobachtet. Gewartet. Unserer Zukunft gelauscht. Hallo Hildesheim.

Du sagst, die Zeit ist so schnell vergangen, seitdem wir uns kennengelernt haben. Seit dem Tag, an dem ich dich das erste Mal sah und die Bäume in deiner Bahnhofsallee gesucht habe. Ich weiß nicht, ob ich deiner Meinung bin, schwer zu beurteilen. Irgendwie schon, ja, wenn ich an unsere ersten gemeinsamen Tage denke. In der Zwischenzeit ist so viel passiert. Das macht die Zeit wieder ziemlich lang, sage ich. Zeit ist ein dehnbarer Begriff, rauschst du mir durch die Bäume zu, die nicht da sind.

Wir müssen reden.
Unsere Beziehung ist facettenreich. Da gibt es zum Beispiel die Uni, die manchmal zwischen uns steht und uns doch intensive Momente beschert. Wenn ich mich jeden Morgen auf mein Rad schwinge, zum Beispiel. Dann erkenne ich dich, mit Klarsicht. Der Frost, der an deinen Sträuchern hängt, die meinen Weg säumen. Die Luft, welche du mit dem Duft von Kiefernadeln schmückst. Die Innerste, die mich begleitet, beständig fließend. Sie fließt wie die Zeit. Und wenn ich dann die Domäne sehe, dann fühle ich so etwas wie Zu Hause. In den alten Gemäuern lerne ich, höre ich, träume ich. Von der Veränderbarkeit der Gegenwart.

An anderen Tagen verstehst du mich nicht. Das sind die Tage, an denen ich mich klein und unbedeutend fühle, fremdbestimmt. Dann kannst du mir Blumen vor die Haustür malen und ich würde sie nicht sehen. Ich würde nur die Strukturen erkennen, denen ich mich anzupassen, einzuordnen habe. Die meinen Alltag bestimmen, mehr nicht. Und dann würdest du mir vielleicht einen kleinen Vogel auf meine Fensterbank setzen, der mir mit leisen Worten zuzwitschert, dass ich diejenige bin, die über ihren Alltag bestimmt. Dass ich diejenige bin, die entscheidet. Aber ich würde ihn wahrscheinlich nicht sehen, weil der Blick meiner Augen auf den Desktop meines Laptops geheftet ist. An diesen Tagen verstehst du mich nicht, und ich verstehe dich nicht, obwohl ich ein Teil von dir bin. Verstehst du?

Manchmal fühle ich mich von dir alleine gelassen. Wenn ich ein Bier trinken gehen will, doch deine Läden schon ihre Fensterläden zugezogen haben. Wenn ich tanzen gehen will, doch du kein Lied anstimmst. Wenn ich mit Elan Farbe um mich schmeiße, und du dein Asphalt wieder grau wischst. Ich denke, wir sollten mehr darüber reden, du und ich, damit wir uns in Zukunft besser verstehen können. Ich will dich ja nicht verletzen.

Und dann zeigst du mir manchmal Seiten von dir, die noch nach frischer Farbe riechen. Lebendige Seiten, die sich dynamisch, wie von selbst, umblättern und verformen. Seiten, auf denen Andere Spuren hinterlassen haben, einmal quer durchs Bild gelaufen sind. Neue Seiten, unbeschriebene Seiten, Seiten, auf denen PROSANOVA steht.

Manchmal machst du mir auch ein Geschenk. Mit Menschen zum Beispiel, die du in deinen Hafen lässt, und die mich finden, oder ich sie. Mit denen ich dich dann weiter durchstreife, gelassen und glücklich. Ich denke, du bist ein sehr besonderer Hafen. Die meisten peilen dich an, um etwas zu erledigen, ihren Wissenshunger zu stillen, ihren Geldbeutel zu stärken. Sich neu zu orientieren. Du lädst sie ein, pustest ihnen Wind in ihre Segel, und wenn die Sonne im Hohnsensee verschwindet, dann entscheiden sich viele zu bleiben. Nur diejenigen, die da sind, bei dir sind, geblieben sind, sehen die Sonne wieder aufgehen. Die Anderen segeln suchend weiter. Auch ich bin geblieben. Habe die Sonne wieder aufgehen sehen.

Und einmal, da hast du mich zu einer Tür geführt. Auf der PROSANOVA 17 stand. Vorsichtig habe ich sie aufgestoßen, gespannt und in Erwartung, was du mir dieses Mal zeigen möchtest. Hinter dieser Tür waren Menschen, mit lachenden Gesichtern, die mich Willkommen geheißen haben. Sie gaben mir einen Platz und luden mich ein, teilzunehmen, an PROSANOVA. Das war auch so ein Geschenk von dir.

Ich träumte weiter von der Veränderbarkeit der Gegenwart und PROSANOVA sagte mir, dass ich sie mit gestalten kann. Jetzt. So nahm ich Stift und Papier zur Hand, lernte Menschen kennen und begann, farbige Gedanken zu formen. Den Vogel auf meiner Fensterbank zu hören und den Wind zu spüren, den du mir in meine Segel pustest. Vielleicht pflanze ich bald ein paar Bäume in deine Bahnhofsallee.

Du bist ein Hafen, ein sehr besonderer, wie ich finde, und du lädst ein. PROSANOVA lädt ein: Menschen mit Geschichten, mit Texten, mit fliegenden Gedanken, welche Türen aufstoßen und uns von der Veränderbarkeit der Gegenwart träumen lassen. Und wer bleibt, wer hier bei dir bleibt und PROSANOVA 17 erlebt, der wird die Sonne wieder im Hohnsensee aufgehen sehen.

Janne Schröder

[PROZESS] ist die Textreihe aus der Entstehung des PROSANOVA | 17.