[PROTOKOLLE] Schrift zu Klang

Lese­no­tiz zu Maren Kames’ Halb Tau­be Halb Pfau, erschie­nen im seces­si­on Ver­lag.

Ich hal­te das Buch in mei­nen Hän­den und das Cover ins Licht mei­ner Lese­lam­pe. Es schim­mert lini­en­för­mig in Grau und Schat­ten. Nei­ge es vor und zurück. Die Lini­en bewe­gen sich.

Im Klap­pen­text ist von Schol­len die Rede, die auf und abtau­chen. „Codes sind Schlüs­sel zu einer Dimen­si­on jen­seits des Tex­tes, wo Schrift zu Klang wird“, heißt es wei­ter. So soll es sein.

Gleich die ers­te Pas­sa­ge trägt Rhyth­mus. Durch und durch. Die Zei­len­sprün­ge sind gewählt gesetzt, wie abge­mes­sen. In der ers­ten Zei­le, ein­sam zwei Kom­ma­ta. Son­st nur flie­ßen­der Text. Tut der Sache gut.

Den größ­ten Teil der Blät­ter nimmt das Weiß um die Pas­sa­gen her­um ein. War­um? Es ist Lyrik, die darf das. Ist das nicht Papier­ver­schwen­dung? Nein. Das ist Lyrik, wenn der Text die­sen Platz auf den Sei­ten braucht, um zu wir­ken, so soll die­ser Platz sei­nen Platz im Werk bekom­men.

Ich befin­de mich von nun an auf dem Weg, dem Weg durch die­ses Werk. Schaue links und rechts, um mich her­um, hin­ter und vor mir in den Text hin­ein. Alles scheint weiß. Gleich Mas­sen davon. Wenn sich etwas mal zeigt in den Mas­sen von Weiß, so ver­än­dert das die Sache an sich wohl auch nicht.

Leer ist es.

Eine klei­ne Stirn­lam­pe leuch­tet durch das Land. Der star­re Bli­ck zeigt auf das, was noch zu besie­deln sei. Gegra­ben wird und gescho­ben. Hin und her. Ver­mes­sen wer­den soll das Weiß, die Mas­se, oder ein Teil davon. Es soll zusam­men­ge­hal­ten wer­den, begrif­fen wer­den, durch­schaut, ich fan­ge an, mich als For­scher zu sehen.

Ich befin­de mich nun in der Luft. Hoch über dem Weiß. Ich flie­ge und jeder For­scher weiß: „Je wei­ter man sich von der zu erfor­schen­den Sache ent­fernt, desto mehr hat man im Bli­ck.“

Mein Bli­ck fällt auf Sol­da­ten. Was sie tun. Anschei­nend bera­ten sie sich, oder wer­den bera­ten, was zu tun sei. Sie gehen nach Hau­se, in das Lila des Hori­zonts.

Der Weg, den ich lau­fe, löst sich auf. Ich fal­le, her­un­ter auf den Wald. Sage den Wöl­fen guten Tag. Das wollt ich schon immer mal. Die Wöl­fe schei­nen wach gewor­den zu sein. Doch sie lachen nur und gäh­nen. Sie lachen und gäh­nen, weil das, was ihren Bli­ck fängt, komi­sche Figu­ren beim Ren­nen macht.

In der hohen Luft will ich for­schen, sage ich mir. Wo es klar ist. End­li­ch ange­kom­men auf der Spit­ze eines Ber­ges schallt es mit Echo: „Du kann­st nach Hau­se gehen, du kann­st nach Hau­se gehen, du kann­st, du kann­st, du kann­st nach Hau­se gehen.“

Jetzt, nach etwa der Hälf­te des Weges ein Zwi­schen­be­richt. Ich fun­ke zu euch, die ihr das jetzt lest, aus der Mit­te. Aus mei­nem Kopf, zu euch an die Bild­schir­me. Ich berich­te nun aus dem Schei­tel. Ich bin noch auf dem Weg, aber nicht mehr nur durch das Weiß, jetzt schon manch­mal durch Trau­ri­ges, Ein­sa­mes, aber auch Hei­te­res. Gera­de ist von Nähe berich­tet wor­den. Mein Bli­ck geht nach rechts, in eurer Welt ist das gera­de­aus. Nach vorn. Hin­ein in den zwei­ten Teil.

Kön­nen unent­deckt blei­ben auf unse­rem Weg. Kön­nen wei­ter durch den tex­ti­gen Wald streu­nen, ohne dass der Text uns zurück anblickt. Eines Tages, so hof­fe ich, schreibt mal ein Text einen Ver­riss über einen Kri­ti­ker. Der Text ist ja ein­fach nur da. Doch scheint er durch das Lesen so man­chen anzu­grei­fen. Doch greift man sich dann nicht eigent­li­ch selbst an.

Eine Frau kreuzt mei­nen Weg, sie scheint mir etwas andre­hen zu wol­len. „Selbst wenn ich es hin­schmei­ße, geht es nicht kaputt“, sagt sie, und „Wenn doch, gibt’s ein Neu­es.“ Wird alles extra ein­ge­packt. Die Kör­per, die ange­bo­ten wer­den, sind alle „warm, jung und atmend“.

[Am bes­ten kom­me ich rüber, wenn ich nichts sage, war schon immer mein Reden.] 

Eini­ge mei­ner Mess­werk­zeu­ge sind schon abge­bro­chen. Doch sie sind wie das Land. Auch das Land hat Ecken und Kan­ten. Das gehört alles zum Land dazu.

Vor mir liegt nun ein Kopf. Ich darf hin­ein. Schau ich mich doch mal um. Schau mal da. Das sieht wie die Kind­heit aus. Da schaue ich mal rein. Das wird lus­tig. Das ers­te Mal Fahr­rad fah­ren, Bär­te strei­cheln, Opas, Omas und ande­re Lebe­we­sen. Der Wind fliegt uns durch das Haar. Alles schmeckt nach Eis. Das Schöns­te am Kind­s­ein ist nicht der Genuss, son­dern die Wut, die Ent­täu­schung. So wütend und ent­täuscht wer­de ich nie, nie wie­der. Heu­te habe ich es ja schon geahnt. Als mich das Karus­sell wie­der aus­spuckt, sit­ze ich durch­ge­nu­delt am Rand und schaue auf das Jetzt. Ist das nicht irgend­wie ernüch­ternd. Ich drif­te ab.

Ich sehe nun eine Gestalt, schein­bar mensch­li­ch, jedoch von Roh­ren durch­zo­gen, steht an der Küs­te und pfeift, auf all sei­nen Roh­ren.

Ich gucke in den Him­mel. Dort rei­ten Tapi­re in das Blau.

[Und wenn es am Ende nicht weh tut, dann denkt man den ers­ten Abend noch: „Gott sei Dank“, doch am zwei­ten schon: „Höl­le“, denn nichts brennt so sehr auf der See­le, wie die Ein­sicht, dass alles, was schön gewe­sen zu sein schien, nur ein­ge­re­det war.]

Die Erschöp­fung mei­nes Weges zeich­net mei­nen Geist.

Erst habe ich mich in die Ton­ne gesetzt und Regen getrun­ken, dann in die Nes­seln gekniet, davon wird es auch nicht bes­ser.

[Die Flä­che, zu der ich nun vor­schrei­te, sagt nur eins zu uns: „Tanz“. Und wenn wir fra­gen wie­so, haben wir wohl nicht hin­ge­hört, denn die­se Flä­che wur­de nicht aus Zufall so nah an den Laut­spre­cher gebaut. Nicht, damit ihr zuhö­ren könnt, ist sie so weit, son­dern damit ihr euch bewegt. So fangt doch bit­te an zu tan­zen. Der Bli­ck in dein Tele­fon, schützt dich auch nicht vor Bli­cken.]

Und am Ende ist’s brü­chig. Am Ende des Weges ste­he ich nun da und weiß nicht wohin mit den Wor­t­en. Sol­len die hier hin und war­um über­haupt raus. Sind sie nicht da, auch wenn ich sie drin­nen las­se?
Ich den­ke nicht.

Till Sie­bert

Anmer­kung: Bei den Sät­zen in Anfüh­rungs­zei­chen han­delt es sich nicht um Zita­te, son­dern um freie Asso­zia­tio­nen und Abwand­lun­gen zum Text.

[PROTOKOLLE] ist eine Samm­lung von ver­schie­dens­ten Pro­to­kol­len, die für und wäh­rend PROSANOVA | 17 ent­ste­hen.