[PROTOKOLLE] Die Sätze spielen Geige

Lesenotiz zu Tilman Strassers Hasenmeister, erschienen im Salisverlag.

Ich halte das Buch in den Händen, vorsichtig, als hätte ich es gerade aus seinem Kasten geholt.

Gebundene Ausgabe. Tilman Strasser, Hasenmeister.

Eine Geige liegt hinter dem Schriftzug.

Felix Hasenmeister sitzt in der Stille und Carla schreibt SMS. In der Stille spielt sich noch einmal die Vergangenheit ab.

Hasenmeister spielt Geige. Sein Vater spielt Geige. Die Sätze spielen selber.

Streichen behutsam über Gefühle und Oberflächen. Zupfen an Personen, ohne weiter auf sie einzugehen. Und dann hin und wieder steigern sie sich in eine Passage über eine Eigenschaft oder einen Charakter hinein. Spielen flüssig jeden Satz des Stückes und stocken nur hier und da, wenn sich Hasenmeister wieder in seine Stille zurück lehnt und Carla SMS schreibt.

Und doch können ihre sauberen Töne nicht davon ablenken, wie zutiefst unsympathisch Felix Hasenmeister ist.

Oder Carla erst.

Und Hasenmeisters Vater besonders.

Sogar seine Mutter bleibt nicht verschont und wird so lange bespielt, bis sie immer tiefer fällt und sogar ihre lilafarbenen Sommerkleider nicht mehr verdecken können, wie abstoßend sie innerlich ist. Und dabei ist sie noch die netteste aller Personen, denen die Sätze ihre Aufmerksamkeit schenken.

Ich kann Geige spielen. Ich weiß wie jeder Teil einer Geige heißt und wie sich die Saiten unter den Fingern anfühlen. Und Strasser erinnert mich mit jeder Zeile daran, wie gut sich das anfühlt. Geige zu spielen.

Die wörtliche Rede vermisst ihre Satzzeichen.

Die erste Geigen-Lehrerin kommt zurück. Immer wieder.

Sie bleibt immer nur die erste Lehrerin. Sie verwüstet den Garten und sie sagt „Moladjez“.

Die Schlitzaugenkatzen sitzen hinter dem Vorhang und verspotten. Vor dem inneren Auge bewegen sie sich. Lachen und kreischen und bleiben doch hinter dem Vorhang. Bis Hasenmeister ihn zurückzieht.

Ich übe Griffe auf dem Tisch, zupfe, streiche mit dem Bogen schwungvoll über unsichtbare Saiten, während ich Seite um Seite umblättere.

Dass Saiten etwas mit Seiten zu tun haben, klingt logisch.

Die Verben nehmen Überhand. Sie greifen nach den Fäden und spielen sich wie die Puppenspieler des Textes auf. Sie fressen die Adjektive und stürmen die Sätze. Verwandeln alles in Bewegung und Personen.

Doch das lassen sich die Nomen nicht gefallen. Auch die Adjektive schlagen zurück, schillernder und greller und lauter als zuvor. Jeder Satz ist überladen von Beschreibungen und Eindrücken. Jeder Satz trieft vom Kampf um das ausdruckstärkste Wort, ob Adjektiv oder Nomen oder Verb. Keiner gibt nach.

Und so muss Strasser hin und wieder eingreifen. Ein paar Verben unterdrücken. Einige Adjektive verscheuchen und die Sätze wieder zur Ruhe kommen lassen.

Die Ruhe, die die Stille verdient hat.

Ich fange an nach Formen von „sein“ zu suchen. Vergebens.

Die Stille. Sie drückt auf die Ohren. Dagegen wirken manche Passagen so laut und chaotisch.

Und sogar die Stille ist in manchen Sätzen laut.

Carla schreibt weiter viele SMS. Sie bricht in der Mitte des Satzes ab und setzt ihn in der nächsten SMS fort. Sie schlägt Brücken zwischen den Kurznachrichten.

Sie schlägt Brücken zwischen Hasenmeister und der Außenwelt, die nicht still daliegt. Sie versucht immer wieder einzudringen in den Raum, den sich Hasenmeister erschaffen hat.

Sie flüstert beim Sex.

Sie schneidet eine Leiche auf. Sie holt ein Organ nach dem anderen heraus. Musik und Ärzte werden eng miteinander verbunden. Der ganze Text mischt Musik und Medizin.

Und das ist also Carlas Musik. Das Auspacken verschiedener Organe, wie Hasenmeister seine Geige auspackt, die Stütze festschnallt, den Bogen spannt, Kolophonium aufträgt und anfängt zu stimmen.

Doch hier, ein Satz mit „ist“. Werden die restlichen Verben sich dagegen wehren?

Die Lehrer reihen sich aneinander. Eine Lehrerin zu Anfang. Dann vier Lehrer, die durchnummeriert antreten, um Hasenmeister das Spielen beizubringen.

Ob sich wohl irgendjemand vor der ehrlichen Betrachtung behaupten könnte. Gibt es jemanden, den die Sätze nicht ergründen, verschlingen und schließlich angewidert wieder ausspucken würden?

Keiner der Lehrer besteht die Prüfung. Jeder entpuppt sich früher oder später als abscheulich und die Sätze wenden sich angewidert von ihm ab.

Setzten zu einer neuen Passage an und wechseln die Lage.

Es wiederholen sich hier und da Abschnitte. Greifen auf früher zurück.

Das Riechen übernimmt langsam die Sinne. Nicht mehr nur hören, jetzt auch riechen. Eine Geige zu riechen wird wichtig. Der Vater hat an seiner Geige gerochen und Hasenmeister hat an seiner Geige gerochen, bisher ohne Erfolg.

Ich frage mich, ob Strasser selbst Geige spielt.

Oder ob das sein Geigenspiel ist. Das zupfen von Wörtern und greifen von Buchstaben.

Ob die Sätze deshalb so klingen,

nachhallen.

Mara Schmitz

[PROTOKOLLE] ist eine Sammlung von verschiedensten Protokollen, die für und während PROSANOVA | 17 entstehen.