[PHON] #4 die Artists in Residence – ein Interview mit Tabea Steiner

Tabea Steiner ist Autorin und auch Veranstalterin von Literaturevents wie dem Thuner Literaturfestival und dem Berner Lesefest Aprillen. Sie sitzt in mehreren Literaturjurys und hatte 2011 das Stipendium der LCB Autorenwerkstatt. Mit Artist in Residence-Dasein hat sie bereits Erfahrung; 2014 verbrachte sie den Sommer in Genua mit der Arbeit an ihrem ersten Roman.

Fangen wir mit dem Text an, mit dem du dich bei der Artist in Residence-Ausschreibung beworben hast… Er spielt in einem bäuerlichen Milieu, zerrissene Familien werden angedeutet und es scheint um die Deckung eines Kinderschänders zu gehen. Warum hast du dich mit diesem Text beworben?

Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Roman, an dem ich seit einiger Zeit arbeite. Ich wollte Szenerien aus der Mitte des Geschehens zeigen. In der Szene geht es eigentlich nur um ein Kind, das beim Rauchen erwischt worden ist, aber so wie darüber gesprochen wird, kann es plötzlich auch um ganz andere Dinge gehen. Mich interessiert, was Gesagtes und was Verschwiegenes erzählen kann. Dieser Ausschnitt versucht dies zu zeigen und ich wollte wissen, ob das funktioniert.

In deinem Text wird eine anfänglich eingeführte Idylle zerstört bzw. die Fassade beginnt zu bröckeln. Ist es ein förderlicher Kniff, diese Geschichte im bäuerlichen Milieu anzusiedeln? Warum dieser Ort und diese ländliche Struktur?

Dass die Geschichte in einer sehr ländlichen Umgebung spielt, ist für mich weniger ein Kniff, sondern hat eher mit Soziotopen und Kleingemeinschaften zu tun. Und natürlich damit, dass ich diese Welt sehr gut kenne: Den Nachbarhof meiner Kindheit bewirtschaftete ein Bauer zusammen mit seinem Vater, der auch im hohen Alter noch alles bestimmte und sehr geizig war. Weil dieser Hof sehr alt war, wäre es dringend notwendig gewesen, dass man wegen drohendem Schwelbrand eine Heubelüftung installiert hätte. Für den alten Bauern kam das aber nicht in Frage, so dass sich das ganze Dorf zusammengetan hat und für ihn einen Ausflug organisierte; jemand hat ihn begleitet, damit man sicher sein konnte, dass er auch wirklich erst am Abend zurückkommt, wenn die Belüftung montiert ist. Am Abend hat er getobt. Solchen Strukturen möchte ich nachgehen.

Die Form deines Textes ist sehr spezifisch. Es gibt viele Zeilenumbrüche, lange Sätze, die nur durch Kommata gegliedert sind. Wörtliche Rede ist durch Spiegelstriche gekennzeichnet, die einzelnen Repliken fließen ineinander über. Es werden kleinteilige, tägliche, einfache Bewegungen beschrieben, Alltagspraxen, über die man* eigentlich nicht groß nachdenkt. Durch Kommata und fehlende Punkte erhält alles eine Gleichzeitigkeit und eine Dichte, die dem kleinteiligen Inhalt fast widerspricht und ihn dadurch besonders gewichtig macht. Trotzdem bekommt man* sehr wenig Informationen über die Figuren, sondern wird in deren alltägliche Handlungen, alltägliche Praxis hineingeworfen.                                                                                                                           Wie kamst du zu diesem Stil?                                                                                                                                                                       Schreibst du das in einem Zug herunter, um diesen Fluss herzustellen oder ist es eher so, dass es eine minutiöse Arbeit ist, wie es deine Website suggeriert, auf der steht, dass du deine Texte „komponierst“?

Zu diesem Stil kam ich, weil ich ganz nahe dran sein wollte an den Figuren. Ich kann sie aber nur beobachten und beschreiben, was sie sehen, was sie sagen oder wie sie handeln. Ich glaube zudem, dass zu diesem Stoff eine möglichst realistische Erzählweise passt. In der kleinsten Handlung liegt so vieles gleichzeitig. Alles ist Kommunikation und damit das, was uns verbindet und trennt. Das versuche ich darzustellen.                                                                                                                                        Nachdem ich aber sehr lange am Material gearbeitet habe und irgendwann nur noch Kulisse sah, habe ich neu angefangen und dann die ganze Geschichte recht schnell heruntergeschrieben. Und nun überarbeite ich diesen Text, stelle um, verschiebe, lösche, es ist also eine Mischung aus Schreibfluss und Komposition, die auf der Vorarbeit von etwa drei Jahren beruht.

Für wen schreibst du? Hast du eine ideale Leserin?

Das Schreiben ist für mich die Suche nach der Geschichte und einer passenden Sprache. Und wenn das später jemand lesen würde, wäre das ideal.

Ich möchte nun zu deiner vermittelnden Tätigkeit kommen. Vermitteln und selbst schreiben. Bedingen sich diese Sachen gegenseitig für dich? Warum machst du beides?

Nein, sie bedingen sich nicht, aber ich mache beides sehr gerne. Genauso, wie ich gerne koche und gerne bekocht werde.

Wen möchtest du mit deiner Vermittlung erreichen? An wen wird was vermittelt?

Ich, oder vielmehr wir, haben nicht bestimmte Personen im Fokus. Die Festivals richten sich an Menschen, die an Literatur in ihrer Vielfalt und der Auseinandersetzung mit der Gegenwart interessiert sind.

Wie stehst du als Literaturvermittlerin zu dem Vorwurf, Literatur reproduziere sich immer in denselben Leser- und Schreiber°innenzirkeln? Gleichzeitig werden jedes Jahr so viele Bücher gedruckt wie nie zuvor in der Geschichte. Da kann doch etwas nicht stimmen…

Ich sehe den Literaturbetrieb nicht als geschlossene Gesellschaft. Mir scheint eher, dass sich das Interesse für Literatur und auch für Lesungen, insbesondere für Festivals, in der letzten Zeit verstärkt hat, sei es von produktiver oder rezeptiver Seite. Ich sehe darin zwei Gründe und meines Erachtens liegen beide in der digitalen Revolution: zum einen werden Begegnungen wieder wichtiger. Und zum anderen gibt es neue Möglichkeiten, sich auszudrücken und darauf Reaktionen zu erhalten, und es gibt plötzlich viel mehr Platz. So erhalten Schreibende auf verschiedensten Plattformen viel Zuspruch, woraus sich wiederum neue Communities erschaffen, die zuweilen aber auch segregiert existieren.

Eine allgemeine Frage zum Abschluss: Ist Literatur noch ein Platz, an dem Gesellschaft diskutiert wird, oder wurde sie von einem Hauptmedium des kritischen Diskurses in eine marginalisierte Position verdrängt, weil andere mediale Formen ihren Platz eingenommen haben? Sind diese medialen Formen vielleicht eine ganz neue Art der Literatur?

Ja, ich glaube, dass in der Literatur Gesellschaft diskutiert wird. Indem man ein Buch schreibt, denkt man gründlich über ein Thema nach, und das ist von Seiten der Autor°innen genauso ein Bedürfnis wie von Seiten der Leser°innen.                                 Ich betrachte Lesen und Schreiben als Kommunikation. Neue mediale Formen beschleunigen Bereiche dieser Kommunikation. Es stehen sich neue und vor allem viel mehr Möglichkeiten gegenüber, aus denen aber auch wieder Literatur entstehen wird. Ich denke, dass genauso, wie das Theater und die bildende Kunst immer mehr miteinander verschmelzen, auch weiterhin neue literarische Formen entstehen, die in ihrer Vielfalt etwas von der Zeit abbilden, in der wir leben.

 

Das Interview führte Daphne Weber.

[PHON] ist eine Interviewreihe mit Mitwirkenden des PROSANOVA | 17.