[PHON] #2 die Artists in Residence – ein Interview mit Johannes Koch

Johannes Koch wurde 1989 geboren. Nach seinem frühen Rauswurf bei den Vengaboys hat er Linguistik studiert. Seit 2015 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Er schreibt im Kollektiv Nobiling.

Auf welche Frage antwortest du beim Smalltalk am wenigsten gern?

„Kann man dann später davon leben?“

Schreibst du eher impulsiv oder regelmäßig oder beides?

Ich schreibe eigentlich dann, wenn ich Zeit dafür finde. Ich nehme mir schon ewig eine größere Regelmäßigkeit darin vor – aber dann kommt irgendwie meistens das Leben dazwischen.

Welche Art von Literatur interessiert dich?

Eine Autorin, die mich sehr begeistert, ist Dorothee Elmiger. Aber manchmal hab ich das Gefühl, dass einfach alle von Dorothee Elmiger begeistert sind, deshalb hat das nicht so richtig einen Geheimtipp-Charakter. Ebenfalls toll: Justin Torres. Er hat nur ein Buch geschrieben und das ist auch noch ganz kurz, aber sehr, sehr gut (wirklich). Außerdem: Johanna Maxl. Die kommt auch zum PROSANOVA. I’m a fan.

Hast du manchmal den Eindruck, diese beim Schreiben zu imitieren?

Ja. Aber ich finde das gar nicht so negativ. Johanna Maxl zum Beispiel schreibt sehr seltsame Geschichten, voller surrealer Szenen und abrupter Wechsel. Ich habe auch oft sehr seltsame Geschichten in meinem Kopf oder habe ganz plötzlich keine Lust mehr auf eine bestimmte Szene und würde dann gerne ganz abrupt wo anders weitererzählen. Aber ich glaube, ohne diese Vorbilder würde ich mich gar nicht trauen, so etwas zu machen. Weil ich denken würde: Das geht so nicht. Das ist keine richtige Literatur. Und dann lese ich aber diese Geschichten und merke: das funktioniert eben doch. Insofern machen die Vorbilder für mich ein freies Schreiben überhaupt erst möglich.

Hast du beim Schreiben irgendeine „Mission“, möchtest du Erkenntnisse generieren oder primär unterhalten?

Ich will, dass meine Texte lustig sind und Spaß machen. Darüber hinaus aber habe ich einen politischen Anspruch an das Ganze. Ich glaube, dass Literatur gesellschaftliche Machtstrukturen aufbrechen kann – aber sie kann sie auch reproduzieren und dadurch stabilisieren. Beispiel: Wenn in einem Text „zufällig“ alle Liebenden heterosexuell sind, dann ist dieser Text ein weiterer Baustein der gesellschaftlichen Heteronormativität – weil es dabei ja gerade darum geht, dass heterosexuelle Lebensweisen ganz natürlich überall präsent und dominant sind. Wenn in einem Text dagegen von einem „Paar“ die Rede ist und sie sind aber nicht hetero oder nicht unbedingt cis-geschlechtlich, dann hat das schon eine gewisse Kraft – vor allem, wenn die Paare dann nicht nur über Diskriminierungen reden dürfen, sondern über allgemeine, normale Dinge. Literatur kann also dazu beitragen, Normalitäten zu hinterfragen und Machtstrukturen aufzubrechen. Das ist im Prinzip nicht anders als bei jedem Alltagsgespräch – aber weil Literatur tendenziell deutlich mehr Menschen lesen, denke ich, dass Autor°innen eine besondere Verantwortung haben, sich Gedanken zu machen und nicht einfach so zu tun, als würde ihre Kunst außerhalb von Gesellschaft stattfinden.

Überarbeitest du deine Texte viel oder ist das eher aus einem Guss?

Ich überarbeite ziemlich viel, schreibe Sachen wieder und wieder um. Aber wie auch schon bei der Frage nach „impulsivem oder regelmäßigem“ Schreiben, habe ich das Gefühl, dass es eigentlich egal ist, wie viel jemand umschreibt.
Oder sagen wir: es lässt sich nichts für irgendwen daraus ableiten. Ich höre gerne Musik beim Schreiben, ich schreibe meistens morgens, oft in der U-Bahn, überarbeite sehr viel und trinke manchmal Apfelschorle dabei. Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass diese Dinge irgendwie bedeutungsvoll sind. Außer vielleicht, um sich ein Autor°innenbild zu basteln, vor dem man dann die Texte angucken und sagen kann: Das war ja klar.

Angenommen, du müsstest dich als „Autor“ inszenieren: welches Image würdest du dir zulegen?

Schwierige Frage. Vielleicht könnte ich immer ein bestimmtes Tier dabei haben. Dann würden die Leute sagen: Johannes Koch, ist das nicht der mit dem Reh?

Inwiefern bringt dich das Studium am DLL weiter bei deinem Schreiben?

Ständig über Literatur zu reden hat mir glaube ich ziemlich geholfen, die ganze Sache mit dem Schreiben wirklich ernst zu nehmen. Allerdings läuft dort sehr viel verkehrt: das Literaturverständnis ist absurd veraltet, ebenso die Idee von Kanon, die dort unterrichtet wird. Autor°innen werden als Genies inszeniert, crossmediale Formate werden kaum thematisiert, Dozierende haben meist eine apolitische Haltung und verweigern sich politischen Diskussionen. Insofern ist das DLL für mich oft zu allererst Reibungsfläche. Aber das hilft ja auch weiter.

 

Das Interview führte Chandra Esser.

[PHON] ist eine Interviewreihe mit Mitwirkenden des PROSANOVA | 17.