[MATERIAL] Woran wollen wir mitschreiben?

Es ist der 9. November 2016 und Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten. Ich fühle mich nach dem Aufstehen wie ein Kind, dass am Rockzipfel vom Internet zieht und fragt: Was passiert jetzt? Was bedeutet das? Wie schlimm ist das jetzt wirklich? Was ist lohoooos?

Ich bin kein Fan von Horrorszenarien, aber wenn sie sich erfüllen, steh ich immer wieder ohne Vorschläge da. Ich bin kein Fan vom Teufel an der Wand, aber wenn ein offenkundiger Rassist und Frauenfeind zu einem der mächtigsten Menschen der Welt erhoben wird, für vier lange Jahre, dann weiß ich nicht, wie ich mit meinen Mitteln widersprechen kann.

Am Mittag halten wir die vierte Sitzung im PROSANOVA | 17-Seminar und es geht um die Frage, wie der Literaturbetrieb funktioniert. Und wie immer nach Nachrichten wie dem US-Wahlausgang, steht die Frage im Raum, was wir mit unseren Stimmen vorhaben, in dieser Zeit, die wir mitschreiben.

Am 9. November 2016 um ca. 11:00 Uhr schreibt René auf facebook: ,,Im Herbst 2017 ist Bundestagswahl. Wer sind wir, wenn wir keine politische Kunst machen können, um ein Zeichen zu setzen?“

Warum stehen Diskriminierungsbekämpfung und die Einhaltung der Menschenrechte nicht schon längst ganz oben auf meiner Agenda, sondern eher so im Mittelfeld – nach ,,Bachelorarbeit fertig machen“, ,,Weihnachtsgeschenke kaufen“ und ,,Gilmore Girls gucken“. Genauso wie ab sofort Donald Trump auf die Finger geschaut werden muss, müssen wir auch auf unsere eigenen schauen. Warum begreifen wir unser Handeln nicht viel politischer? Warum ziehen wir uns raus wo wir können, und werden blass, wenn wir es nicht mehr können?

Die Kulturbranche behauptet so gerne von sich, voranzuschreiten. Vorzumachen, was Jahre später in der Gesellschaft ankommt. Zu probieren, zu scheitern, bessere Wege zu suchen, zu finden, was funktioniert. Es sollte Ziel sein, Kernprobleme allem voran im eigenen Betrieb zu beheben. Nach allen Gesprächen, die wir in der Redaktion über das Thema Gleichberechtigung im Betrieb geführt haben und nach der Wahl von Donald Trump, kann dieser [BLOG] für mich mit nichts anderem anfangen:

Machen wir uns nichts vor – auch der Literaturbetrieb funktioniert, wie die Wahlen in den USA. Längst nicht nur die visionären, zeitgenössischen, klügsten, qualifiziertesten Menschen kommen auf den Wahlzettel. Die Gruppe derer, die Aufmerksamkeit für ihre Themen bekommt, Erfolge verbucht, Entscheidungen trifft, eine laute öffentliche Stimme hat, ist nicht repräsentativ, nicht divers. Wollen wir, dass das so bleibt? Lasst uns auf PROSANOVA | 17 drüber reden, was wir mit unseren Stimmen tun sollten, woran wir mitschreiben wollen, welche gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen wir treffen werden.

Tatjana von der Beek

[MATERIAL] ist eine Textreihe über Themen und Inhalte des PROSANOVA | 17.