[MATERIAL] good old Lesung

Was bis­her geschah: Das PRO­SA­NO­VA-Team hat mich zu einer Lesung von Dmi­trij Kapi­tel­man (Das Lächeln mei­nes unsicht­ba­ren Vaters) geschickt, um her­aus­zu­fin­den „was das so für ein Typ ist“. Also habe ich mich in den Zug gesetzt, bin nach Han­no­ver gefah­ren, zum Lite­ra­tur­haus gelau­fen (davor hängt ein echt rie­si­ger Kron­leuch­ter — auf der Stra­ße!), um drin­nen zu bemer­ken: Alle Besu­che­rIn­nen sind schei­ße alt. Nicht, als ob ich per se was gegen alte Men­schen hät­te — ich mei­ne wer lässt sich nicht ger­ne ab und an mal im Cha­nel N°5 Smok sagen, dass man Frem­de an ihre Enkel erin­nert — aber ich sehe Grund mich zu echauf­fie­ren.

Zum Einen, und das ist wohl der leich­te­re Teil, über das gera­de­zu lächer­li­ch affek­tier­te Han­no­ver­sche Bil­dungs­bür­ger­tum: Ab und zu hat man ja die­ses Gefühl, eine Per­son zu tref­fen, die eher eine Kari­ka­tur als ein Men­sch ist, aber hier ist es eine gan­ze Grup­pe. Die­se Grup­pe gibt das Stück „Wir sind so unglaub­li­ch gebil­det und arri­viert, super inter­es­siert und auf­ge­schlos­sen, außer­dem lächer­li­ch reich, und gehen damit auch mal ger­ne hau­sie­ren“ zum Bes­ten. Das heißt, bei Lesun­gen die klas­si­schen „es hat zwar nichts mit dem The­ma zu tun, aber ich bin sehr gebil­det bin in Sachen Nah­ost-Kon­flikt“ Anek­do­ten zu erzäh­len, Klei­dung aus dem ZEIT-Shop zu tra­gen, und die gan­ze Zeit inter­es­siert zu „nicken bis der Arzt kommt“. 

Das zu beob­ach­ten ist so wit­zig, wie es trau­rig ist, gibt aber nicht sehr viel mehr her, als eine ganz okaye Über­lei­tung zu der eigent­li­chen Fra­ge: Wie­so sind auf Lesun­gen kei­ne jun­gen Men­schen? Die meis­ten jun­gen Men­schen, die ich das gefragt habe, haben Din­ge geant­wor­tet wie „Lesun­gen sind irgend­wie lang­wei­lig“ oder „Wie­so soll ich mir einen Text anhö­ren, den ich genauso gut selbst lesen kann“. Aller­dings haben sie auch gesagt, dass sie erst auf einer oder zwei Lesun­gen waren, meis­tens mit der Schu­le, oder weil ein Freund sie mit­ge­schleppt hat. Wäre man auf der Lesung von Kapi­tel­man und Mari­nic (eine Dop­pel­le­sung zur „Fra­ge der Zuge­hö­rig­keit“) gewe­sen, hät­te man das nicht so leicht­fer­tig gesagt. Inter­es­siert man sich näm­li­ch für Lite­ra­tur, oder einen bestimm­ten Roman, oder Kul­tur, oder ein­fach für die Gesell­schaft in der man lebt, kann man bei einer Lesung sehr viel mit­neh­men. Posi­tio­nen oder bio­gra­fi­sche Details des Autors und der Auto­rin zum Bei­spiel, die die Lek­tü­re sehr berei­chern. Den Aus­tau­sch mit ande­ren Men­schen mit den glei­chen Inter­es­sen. Den Text den man gele­sen hat, mit der zuge­hö­ri­gen Stim­me zu ver­bin­den, oder (je nach Lesungs­for­mat), span­nen­de Dis­kus­sio­nen zu rele­van­ten Dis­kur­sen. Im Ide­al­fall ist das näm­li­ch die Sache an guter Lite­ra­tur: Sie behan­delt The­men, die eine all­ge­mei­ne Rele­vanz haben. Und über die­se Din­ge soll­te man reden — jetzt viel­leicht sogar mehr denn je.

Die Über­the­men der bei­den vor­ge­stell­ten Wer­ke waren Migra­ti­on, Zuhau­se, Frem­de und Natio­na­li­tät. Die Auto­rin und der Autor sind nicht in Deutsch­land gebo­ren, elo­quent, klug, und außer­dem jung. Sie haben Geschich­ten zu erzäh­len, und Debat­ten anzu­hei­zen, dis­ku­tie­ren mit­ein­an­der und geben Blick­win­kel die vor allem eines sind: Rar.
Wo ist jetzt mein Pro­blem, mag man sich an die­ser Stel­le fra­gen. Wie­so ist es so schlimm, dass all das nur von Groß­el­tern gehört wird, die in zwan­zig Jah­ren sowie­so nichts mehr zu sagen haben. Der Eine oder Ande­re mag es mit­be­kom­men haben; wir leben in bri­san­ten Zei­ten. Vie­les ver­än­dert sich, das Meis­te nicht zum Guten. Und wie das nun­mal ist, mit Din­gen die die Zukunft betref­fen: Wer län­ger lebt bekommt mehr davon mit. Damit möch­te ich sagen, dass die Debat­ten, die hier auf­ge­macht wer­den, unse­re sein soll­ten. Das wir uns aktiv mit die­sen aus­ein­an­der set­zen soll­ten, Inter­es­se an unse­rer Gegen­wart zei­gen müss­ten und die Lite­ra­tur­sze­ne nicht ver­grei­sen las­sen dür­fen.

Abge­se­hen davon, ist unse­re Gene­ra­ti­on von den Inhal­ten sol­cher Roma­ne, und den Erfah­run­gen sol­cher Per­sön­lich­kei­ten wie Kapi­tel­man und Mari­nic viel eher tan­giert, als 50 wei­ße, hete­ro­se­xu­el­le in Deutsch­land gebo­re­ne und bei Car­tier kau­fen­de Ver­schnit­te von Bil­dungs­bür­ge­rIn­nen. Unse­re Gene­ra­ti­on ist viel­fäl­ti­ger, bun­ter, und sicher­li­ch noch nicht so fest­ge­fah­ren in Fra­gen der Zuge­hö­rig­keit, Hei­mat und Inte­gra­ti­on, wie die, die hier Hei­ne-Zita­te in die Mas­se mur­melt. Wie­so über­neh­men wir von unse­ren Groß­el­tern nur die Strick­ja­cken und Hosen­trä­ger? Viel­leicht soll­ten wir dem Vor­ur­teil der ach so nar­ziss­ti­schen Gene­ra­ti­on etwas ent­ge­gen­wir­ken, und ein­fach mal wohin gehen um Zuzu­hö­ren. Zum Bei­spiel beim PROSANOVA. Und der Voll­stän­dig­keit wegen: Kapi­tel­man ist cool. Auch wenn das vor allem die Han­no­ver Gol­den Girls sehen. 

Nora Had­da­da

[MATERIAL] ist die Text­rei­he über The­men und Inhal­te des PROSANOVA | 17.