[MATERIAL] EIN BEITRAG ZUR ZUKUNFT

DER TRÄUME: Die Mut­ter von Yael träum­te davon, dass ihre Toch­ter auf die Uni gehen wür­de. Als sie die Imma­tri­ku­la­ti­ons­be­schei­ni­gung sah, brach sie fast in Trä­nen aus. Mal­te träumt davon, auf einem Mini­golf­platz zu arbei­ten und an die Ost­see zu fah­ren. Und ins Tro­pi­cal Island, weil da ein Teil sei­nes Thea­ter­stücks spielt. Yael träumt davon, für einen Tag mit einem sehr gut aus­se­hen­den Mann zu tau­schen. War­um? Sie glaubt das sei offen­sicht­li­ch. Als Kind träum­te sie noch davon Astro­nau­tin zu wer­den, aber ihr wird beim Auto­fah­ren schnell schlecht, sodass sie kot­zen muss, gen­au wie die ech­ten Astronaut°innen in der Schwe­re­lo­sig­keit. Des­halb ist sie kei­ne Astro­nau­tin gewor­den.

DER ARBEIT: Mal­te Abra­ham, Autor und Mit­be­grün­der der Lese­rei­he Kabel­jau & Dor­sch, liest Mono­lo­ge zur Zukunft der Arbeit. Das ist futu­ris­ti­sch, das ist gut. Ich wer­de im Büro anru­fen und es wird zuhau­se klin­geln, sagt der Prot­ago­nist des ers­ten Tex­tes. Er erzählt von ste­ri­len Sofa­land­schaf­ten, Home­fee­ling, einer digi­ta­li­sier­ten Gesell­schaft, Ein­tö­nig­keit und davon, der Chef im eige­nen Leben zu sein. Beruf­li­ches Schei­tern ist per­sön­li­ches Schei­tern gewor­den. Auch Ste­ve Jobs kommt zu Wort. Er ist nicht gestor­ben, nein, er hat sich nur zurück­ge­zo­gen. Nach der jah­re­lan­gen Arbeit an der Abschaf­fung der Arbeit stellt er fest: Wenn das die Zukunft ist, dann will ich dar­an nicht teil­neh­men.

DES LEBENS: Yael Ino­kai, Dreh­buch- und Pro­sa­au­to­rin, erzählt vom eigent­li­chen Leben in ihrem gleich­na­mi­gen Text. Vom Aus­bruch aus der klei­nen Stadt und der Unbe­deut­sam­keit, vom Zurück­las­sen von Men­schen, vom Tun was sich rich­tig anfühlt, und vor allem von der Bezie­hung zu einem namen­lo­sen Mann in Leip­zig. In ihrem Text gibt es jun­ge Men­schen, die sich mit flin­ken Fin­gern Ziga­ret­ten dre­hen. Was erwar­ten sie vom Leben? Was bleibt nach einem Sui­zid, außer einem ver­lo­re­nen Schuh?

DES SCHREIBENS: Mal­te sagt, dass Gedich­te bes­ser im Kol­lek­tiv zu schrei­ben sei­en als Pro­sa. Yael sagt, dass man sich vom Genie­ge­dan­ken ver­ab­schie­den müs­se. Wie­so sei eine Per­son glaub­haf­ter als meh­re­re? Aber Schrei­ben ist anstren­gend, beson­ders mit ande­ren zusam­men. Geteil­te Arbeit ist manch­mal eben doch dop­pel­te Arbeit. Also wenn du mit der Per­son wei­ter­hin befreun­det sein will­st, dann schreib nicht mit ihr an einem Text? Oder mit nie­man­dem? Oder gera­de mit Freun­den? Immer­hin sind Freun­de manch­mal doch die bes­ten Kritiker°innen. Nicht nur wenn es dar­um geht, dir unge­fragt zu sagen, dass du heu­te beson­ders schön oder schei­ße aus­siehst, son­dern auch wenn sie dei­ne Tex­te aus­ein­an­der­neh­men, weil sie dich ken­nen. Weil sie wis­sen, dass du es bes­ser kann­st. Außer­dem, ist nicht jeder gut lek­t­o­rier­te Text irgend­wie ein Kol­lek­tiv­werk? Ein Sam­ple aus dei­nen und mei­nen Gedan­ken, aus Kom­men­ta­ren, Kri­tik und Dia­log. Und das ist gut so. Denn bei Sachen die anstren­gend sind, kommt meis­tens was Bes­se­res bei rum. Und Inno­va­ti­on und Über­ra­schungs­mo­men­te ent­ste­hen nicht, wenn immer nur allei­ne geschrie­ben wird. Es ist jeden­falls sehr schwie­rig sich selbst zu über­ra­schen. Dabei steht das Ergeb­nis beim kol­lek­ti­ven Schrei­ben gar nicht so sehr im Vor­der­grund, son­dern viel­mehr der Pro­zess. Also sprecht über Tex­te! Schreibt zusam­men! Auch wenn es manch­mal weh tut. 

DER ARBEIT (noch­mal): Thea­ter­tex­te und Dreh­bü­cher wer­den viel zu sel­ten publi­ziert, weil eine Ver­lags­land­schaft für sol­che Tex­te fehlt, sagt Mal­te, des­halb gibt es kei­nen Dis­kurs dar­über und das ist ein Pro­blem. Die Par­ti­tu­ren von Thea­ter­stü­cken sind ein­fach nicht öffent­li­ch. Für Lyrik gibt es mitt­ler­wei­le vie­le Zeit­schrif­ten und Fes­ti­vals. Aber Thea­ter­tex­te? Und wie­der: Wie pro­vo­ziert man eine Reak­ti­on auf Text, woher und von wem bekommt man Feed­back? Gera­de wenn die­se Tex­te nie­mand lesen kann. Denn der Kon­sens ist bis­her: Pro­sa­tex­te müs­sen sich gut lesen kön­nen, dra­ma­ti­sche Tex­te müs­sen beim Spre­chen die Büh­ne fül­len. Aber was pas­siert, wenn Tex­te so gut sind, dass sie bei­des kön­nen? Und nie­mand wird es je erfah­ren. Das ist scha­de. Des­we­gen lasst uns das ändern.

VON PROSANOVA | 17: PROSANOVA soll eine Platt­form sein. Für Expe­ri­men­te, für Aus­tau­sch und das Sicht­bar­ma­chen von Pro­zes­sen. Für Mate­ri­al­schlach­ten und Kri­tik, für tage- und näch­te­lan­ges Pro­to­kol­lie­ren und Dis­ku­tie­ren. Ich will, dass Yael zu PROSANOVA | 17 kommt. Ich habe näm­li­ch noch ein paar Fra­gen zu den wie­der­keh­ren­den Schu­hen in ihren Tex­ten. Ich will ein digi­ta­les Leben und ich will ein gutes Leben. Ich will, dass sich bei­des nicht aus­schließt, wie in auf Hoch­glanz polier­ten Zukunfts­dys­to­pi­en. Ich will das eigent­li­che und das ande­re Leben. Das ers­te Werk­statt­ge­spräch hat mir einen Aus­bli­ck dar­auf gege­ben. Dar­auf was es heißt, Lite­ra­tur aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven zu betrach­ten. Und mein Ver­hält­nis zu Tex­ten und der Text­aus­wahl, die ich immer wie­der tref­fe, jeden Tag zu hin­ter­fra­gen. Wenn das die Zukunft ist, dann will ich auf jeden Fall dar­an teil­neh­men.

Judith Hördt

[MATERIAL] ist die Text­rei­he über The­men und Inhal­te des PROSANOVA | 17.