[MATERIAL] #7 die Artists in Residence – ein Text von Simon Sailer

Simon Sailer lebt als freier Schriftsteller in Wien. Zudem organisiert er im Rahmen des von ihm 2011 mitgegründeten Vereins zur Förderung Kritischer Theater- Film- und Medienwissenschaft Buchprojekte, Workshops und Vorträge. Er studierte Philosophie an der Universität Wien und der Sorbonne Paris sowie Art and Science an der Universität für Angewandte Kunst Wien.

 

Der Lautdenker

Wenn ich mich recht erinnere, stieg er bei Johnstraße zu. Er hatte davor die Hand gehoben, gewunken und zu einer Stelle außerhalb meines Blickfelds gesehen. Im Nachhinein betrachtet ist fraglich, ob dort jemand gestanden hatte.
Er setzte sich mir gegenüber, auf den Gangplatz einer Vierergruppe. Ich saß in Fahrtrichtung und er verkehrt, ein bulliger Kerl mit rasiertem Kopf. Jung, keine dreißig. Über einem weißen T-Shirt trug er eine gefütterte Jacke. Irgendwas stimmte nicht mit seiner Lippe, sie war zu hell und blau geschwollen wie von einem Cut. Äußerlich stach der Bursche gar nicht besonders heraus und ich hätte ihn längst vergessen, aber er verhielt sich seltsam. Erst dachte ich, er würde telefonieren.
Man sagt immer, jemand spricht mit sich selbst. Genau genommen spricht aber niemand mit sich selbst, sondern zu sich selbst oder vor sich hin oder mit eingebildeten Anderen. Der Bursche tat nichts davon. Eher klang er, als würde er laut denken.
Im Bus klebten die Menschen aneinander. Die Luft war von der Heizung heiß und trocken. Es roch nach dem Streusalz, das die Fahrgäste mit dem Schneematsch an ihren Stiefeln in den Bus trugen. Der Lautdenker sah sich um wie ein neugieriger Hund, schleckte mit den Augen über die Gesichter der Fahrgäste. An meinem blieb er nur kurz hängen. Überhaupt verweilte er nirgends lang. Alle mieden Blickkontakt. Sie duckten sich hinter ihren Telefonen, fixierten einen Punkt am Boden oder sahen wie beiläufig aus dem Fenster. Ein Händy läutete; es spielte dieses Lied, das gerade überall läuft. „Ist das mein Handy?“ Der junge Mann kramte im Rucksack zwischen seinen Beinen. „Nein, meines ist es nicht. Meines klingt anders.“
An der Schmelz hielt der Bus. Ein Mann mit einer dunkelblauen Adidas-Sporttasche stieg aus, dabei fiel ihm, ohne dass er es merkte, ein Stück Wurst oder fleischfarbene Wolle auf den Boden. Der Lautdenker streckte sich danach. „Der Herr hat etwas verloren. Braucht er das noch?“ Kurz glaubte ich, er wolle es aufheben und dem Sportler nachtragen, aber da schlossen die Türen. „Jetzt ist er weg. Auch kein Malheur.“ Das letzte Wort sprach er gedehnt, den öligen Klang der zweiten Silbe auskostend: „Malheur.“


Der Bursche hatte eine angespannte Höflichkeit an sich, als wolle er um jeden Preis behilflich sein. Zwei irische Touristinnen suchten auf dem Smartphone das Museumsquartier und er erklärte unaufgefordert den Weg. Übrigens in gutem Englisch, wenn auch mit starkem Akzent. Offensichtlich wartete er nur auf einen Anlass, jemanden in ein Gespräch zu verwickeln. Ich muss gestehen, dass ich mich anstrengte, ihm nicht in die Augen zu sehen. Andererseits fürchtete ich, ihn durch allzu auffällige Vermeidung seines Blickes zu provozieren. Ich achtete also darauf, meinen Blick schweifen zu lassen, zu den Passanten, die in der Gegenrichtung an der Haltestelle warteten, über die vorbeiziehenden Geschäfte, zu den anderen Fahrgästen, denen es gehen musste wie mir und die sich dementsprechend nichts anmerken ließen. Einige Male erlaubte ich meinen Augen sogar zuzufallen, damit ich müde und desinteressiert wirkte. Eigentlich saugte ich aber jedes seiner Worte begierig auf und prägte mir ein, wie er sich mit Zeigefinger und Daumen an die Nase fasste oder wie sein Kopf nach vorne klappte, wenn er die Augen zukniff.
Bei jeder Station stiegen mehr Menschen aus als ein, aber der junge Mann blieb sitzen. Eine Dame, die am Stock ging, ließ sich auf den Platz schräg gegenüber des Mannes sinken, auf der anderen Seite des Gangs. Den Stock lehnte sie neben sich, sodass er eine Barriere zum Gang bildete. Er hatte eine Eigenheit, die mir entgangen wäre, hätte der Bursche nicht darauf aufmerksam gemacht.
„Sie haben da ein Lamperl“, sagte er zu der Frau und zeigte auf eine Leuchtdiode, die in den Griff des Stocks eingelassen war. „Geht die?“
Die Frau hatte weißes Haar, eingefallene Wangen und trug einen schweren Mantel. Sie sprach deutlich, aber mit dünner Stimme: „Die Lampe? Die funktioniert, ja. Das heißt, jetzt sind keine Batterien drin.“
Ein schwarzer Knopf an der Seite des Griffs, dort wo beim Gehen der Daumen lag, diente als Lichtschalter. Der Mann beugte sich in den Gang und drückte auf den Knopf. Nichts passierte. Sekundenlang verharrte er in dieser gebückten Haltung, bis er sich schließlich zurücklehnte. Ich fragte mich, ob die alte Frau Geräte ausschaltete, auch wenn sie keinen Strom hatten, damit sie beim Batteriewechsel nicht plötzlich losgingen. Falls ja, wäre die Lampe jetzt an, also der Möglichkeit nach. Der junge Mann kam anscheinend zu demselben Schluss, denn er lehnte sich wieder vor und drückte nochmal auf den Knopf.
„Aber ist schon praktisch“, sagte er, „ein Scheinwerfer in der Nacht?“ Diesmal blieb er im Gang, das Gesicht nah an dem der Frau.„Ja. Ja, das ist nicht schlecht.“
Ich dachte, dass sie die Lampe wahrscheinlich noch nie verwendet hat. Und wieder hatte der Bursche, zumindest schien es mir so, dasselbe gefolgert.
„Aber in der Nacht“, sagte er und griff sich das xte Mal an die Nase, „sollten Sie sowieso nicht auf der Straße sein. Es laufen soviele Psychopathen herum, was?“ Er ließ sie nicht antworten. „Die reißen Ihnen die Handtasche weg.“ Er machte die Bewegung in der Luft und zeigte auf die Tasche in ihrem Schoß. „Wegen fünfundzwanzig Euro.“
Die Frau nickte. Sie wirkte nicht ängstlich, aber ich sah nach der Busfahrerin.
„Sie fallen hin“, fuhr der Mann fort, „aufs Kopferl und sind tot.“ Er schlug sich mit der flachen Hand an die Schläfe. „Schrecklich, was für Menschen es gibt.“
„Es ist überhaupt schrecklich, was in der Welt passiert“, sagte die Dame.
Eine in dieser Situation eigenartige Bemerkung, aber der Mann drückte sich daraufhin in seinen Sitz. Falls er über den Satz weiter nachdachte, tat er es leise.

 

Simon Sailer

[MATERIAL] ist eine Textreihe über Themen und Inhalte des PROSANOVA | 17; beinhaltet Textvorstellungen der Artists in Residence des PROSANOVA | 17.