[MATERIAL] #6 die Artists in Residence – ein Text von Henrik Pohl

Henrik Pohl, *1988 in Lemgo. Studium der Cultural Studies in Berlin und Istanbul. Seit 2015 am Literaturinstitut in Hildesheim. Schreibt im Kollektiv Nobiling. War u.a. Stipendiat der Werkstatt für junge Literatur, der Werkstattbühne am Leipziger Lofft-Theater und des Literaturkollegs im Rahmen der Raniser Wortwelten. Veröffentlichungen zuletzt in: Entwürfe#82, Anthologie zum Wortlaut’16, PS#2 – Politisches Schreiben / Anmerkungen zum Literaturbetrieb.

 

Im Gebiet einzig neu: Talib

(Auszug)

 

Gegen Einbruch der Dunkelheit bäuchlings auf dem Bett liegend, in Schreibheft 1, auditives Journal, notiere ich:

Seit der Vater heute die Tapete von den Wänden riss, haben sich die Stille betreffend zwei Dinge verändert: 1. eine allgemeine Zunahme des Halls in der Kasernenwohnung, Geräusche, die jetzt lauter gegen den rohen Putz und bis vor meine Zimmertür fallen. Beispiele in diesem Zusammenhang: Die in der Stube von der Wand in den Raum tickenden Zeiger der Uhr; das Anreißen und Aufflammen der Schwefelköpfe, kurz bevor der Vater raucht; ebenso das Rascheln in Verbindung mit den Seiten des Orgauer Anzeigers. 2. Wenn Schritte bisher durch das Knarzen verzogener Dielen bestimmt waren, reiben nun zusätzlich kleine und größere Brocken Putz in den Fugen gegeneinander, ein Geräusch wie auf Sand beißen, dabei zu Anfang: sich aufstellende Härchen im Nacken.

Als ich die harten Sohlen des Vaters den Flur durchmessen höre und an den Farbverlauf seines Bartes von nikotingelb zu grau denke, setze ich den Stift ab. Die Wohnungstür fällt ins Schloss. Er richtet selten das Wort an mich.

Vom Fenster aus sehe ich halbdunkel den Weiher, das Wasser oliv, zu den Rändern hin ocker. In Ufernähe macht der Vater aus der Tapete einen Haufen, wirft der Reihe nach sieben Streichhölzer hinein. Das Wandpapier beginnt zu zündeln, und von unten kommt die Gräulich dazu, Klingelschild S. Gräulich, die mich nie einfach beim Vornamen nennt, immer Müller’s Theo oder lediglich der Junge sagt, der Junge ist ein Klops. Dem Feuer legt sie zwei reißfeste Müllsäcke oben auf, kurz sackt alles in ein nahes Dunkel, dann breitet sich das Panorama schlagartig hell vor meinen Augen aus, der Vater darin von enormem Wuchs, die Gräulich in Schürze, einander reichen sie eine PET-Flasche hin und her, dabei Schatten in das Gebiet werfend, von dem es einiges zu sagen gäbe, vor allem doch: Es ist ein besonderer Fall. Der Vater legt den Kopf in den Nacken, am Ende seines langgezogenen Schattens reicht ein vielfach vergrößerter Flaschenboden bis an die nächste Kasernenwand. Dort stehe ich manchmal und übe Zielwurf mit Kieseln auf das Sperrholz in den Fenstern.

Ein früherer Versuch, dem Gebiet schriftlich beizukommen: Wir leben in einer Statik. Der Vater verwaltet sein Leben, und ich lebe in seiner Wohnung voll kaltem Rauch. Die Übrigen halten manches aufrecht, was es hier zuvor einmal gab, darunter die Militärschwimmhalle, zumindest eins der zwei Becken im Betonbau, das angrenzende Vereinslokal mit Blick in eben diese Halle, und die Schankwirtschaft Goldener Hammer, einige Blocks weiter, wobei dazu zu sagen ist, dass oldener Hammer richtiger wäre, weil das G als einziger Buchstabe unbeleuchtet und überkopf von der Wand hängt, so überkopf wie das gesamte Gebiet steht, als hätte man es umgedreht, ausgeleert, so liegen gelassen.

 

Henrik Pohl

[MATERIAL] ist eine Textreihe über Themen und Inhalte des PROSANOVA | 17; beinhaltet Textvorstellungen der Artists in Residence des PROSANOVA | 17.