[LUX] Material, Prozess & Protokolle

Material. Materialrecherche, Materialsammlung, Materialüberfluss. Materialflut, Materialschlacht. Was heißt das eigentlich? Was stellen wir uns darunter vor? In PROSANOVA | denken machen wir einfach mal einen Gallery Walk oder ein stummes Schreibgespräch, oder wie auch immer wir es nennen wollen. Ich nenne es mal assoziativen Schlagwortaustausch. Heraus kommt ein großes DIN A3 Blatt (die Rückseite eines Plakats, das bis gestern noch irgendwo in der Uni herumhing) mit Schlagwörtern zum Begriff Material. Geld, steht da. Und Holz und Drehbühne. Essen scheint auch sehr wichtig zu sein. Dann wird ein Finanzantragstext an die Wand projiziert, der unter Material eindeutig etwas anderes versteht: „Es geht um politische Texte und die einfache, aber immer relevante Frage: Worüber schreiben wir? Worüber müssen wir schreiben?“ Vielleicht kann ich es geistiges Material nennen.

In Zeiten des Internets steht uns ein unendlich großes Materialangebot zu Verfügung. Eine Materialflut geradezu. Ich weiß, „in Zeiten des Internets“ kann man eigentlich nur sagen, wenn man oder frau mindestens 60 ist und sagt, man oder frau würde mit seinen oder ihren Freundinnen und Freunden auf Whatsapp posten. Aber im Ernst, das Internet ermöglicht es uns, unendlich große Materialsammlungen anzulegen. Geistige. Und was gibt es schöneres in einer kapitalistischen Welt, als ganz viel von etwas zu haben, ohne es wirklich zu brauchen. Im Grunde genommen kann es aber nicht ums Haben gehen. Viel interessanter ist doch, was wir damit machen. Oder daraus. Ob wir da auf unser autobiographisches Material, Telefonbücher oder Tweets zurückgreifen, ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass es interessant wird. In erster Linie für uns selbst.

Prozess. „Erstmal werden wir an den drei Tischen, hier, dort und dort, also äh das is jetzt nicht genau ein Tisch, aber kann ja noch einer werden, also wir verteilen jetzt drei Zettel, auf jedem Tisch einen, und ihr habt die Aufgabe, nen Gallery Walk zu machen, hat O. das genannt.“ O. lapidar von der Seite: „Ja, das heißt so.“ Mit diesen Worten wird der Prozess über den Prozess eingeleitet, wobei wir uns weder im Kafkaesken noch strafrechtlich Relevanten bewegen, es geht nämlich an den Tischen, oder solchen, die es werden sollen, um den PROSANOVA-Prozess. Prosa (schlichte Rede) Nova (Helligkeitsausbruch) ist ein Literaturfestival in Hildesheim, das wir jetzt hier, dort und dort vorbereiten.

Mühsam, steht da auf dem Plakat. Wo fängt ein Prozess an? POETIK. Schreiben-Streichen-Schreiben-Löschen. In der Ecke, ganz klein: Da wo etwas passiert. „Scheitern“, flüstert eine junge Frau und der Student neben ihr kritzelt etwas mit rosarotem Textmarker in die Mitte des Plakats. Scheitern als Chance.

Nova bläht sich auf und platzt“, formulierte 1925 der Leiter einer Sternwarte als Telegramm an seine Kolleginnen und Kollegen in aller Welt. Dann geht der Galaxy Gallery Walk zu Ende, erstmal.

Protokolle. Was sind eigentlich Protokolle und was machen sie? Bei der Frage nach Nutzen, Funktion und Beschaffenheit von Protokollen stellt sich für mich sofort parallel auch die Frage nach Echtheit und Direktheit. Begriffe, die man leid ist heute, die aber auch irgendwie unausweichlich sind. Wir wollen ja Echtheit bei dem, was uns umgibt, bei dem, was wir lesen. Wir wollen keine unechten Konstrukte, wir wollen echte Menschen, echte Geschichten, authentisches Erzählen, direkte Vermittlung.

Der Trend zu Protokollen als literarische Form (ich denke, da ist so ein Trend) spiegelt dieses Bedürfnis wider. Protokolle bilden echte Realitäten ab oder versuchen es zumindest oder beanspruchen zumindest in ihrer Form Echtheit und Direktheit. Ganz bestimmt aber bieten sie uns die Möglichkeit, Momente und Geschehnisse und Gesagtes festzuhalten und sichtbar zu machen, zu konservieren und zu archivieren, was uns vielleicht in der heutigen, flüchtigen Zeit zunehmend wichtiger erscheint.

Natürlich muss trotz allem Potenzial zur Echtheit die Frage gestellt werden, inwiefern Protokolle objektiv eine Realität abbilden können. Wahrscheinlich nie wirklich. Egal, wie stark reduziert wird, egal, wie stark der Fokus auf dem liegt, was doch für alle offentsichtliche Realität sein müsste, werden immer, abhängig von der Protokollantin oder dem Protokollanten, verschiedene Realitäten wiedergegeben. Dinge werden von den Einen gehört und bemerkt, während sie von Anderen übertönt und übersehen werden, Ton und Stimmungen werden unterschiedlich realisiert und interpretiert, bewusst oder unbewusst gefärbt durch die Wahrnehmungslage der Einzelnen. Die Realität selbst ist ja schon, wenn sie nicht wiedergegeben, sondern gelebt werden soll, immer eine verschiedene. Wie also Realität, die subjektiv erlebt wird, objektiv protokollieren? Vermutlich bietet die digitale Welt die größte Möglichkeit zu objektivem Protokollieren: Wenn das Protokollieren von einer Maschine anstelle einer oder eines Schreibenden ausgeführt wird. Protokolle, die aus Algorithmen, Codes und Zahlenfolgen bestehen, werfen dann wiederum naheliegenderweise die Frage auf, wo die von uns so ersehnte Echtheit und Direktheit noch zu erkennen ist. Wahrscheinlich nirgendwo.

Protokolle führen zu philosophischen Dilemmata, aber vielleicht ja auch zu technologischen Entwicklungen und literarischen Revolutionen. PROSANOVA | 17 könnte wohl eine geeignete Plattform sein, um dazu näher zu forschen.

Hannah del Mestre (Material), Katharina Harter (Prozess), Leonie Lerch (Protokolle).

[LUX] ist eine Reihe essayistischer Texte über das PROSANOVA.