[LUX] Hildesheim ist in manchen Dingen sehr speziell


„Hildesheim? Des isch bei Ulm, oder?“

„Nee, des isch Heidenheim.“

„Achso, bei Dings… Mainz, gell?“

„Nee, des isch Heidesheim.“

„Hm. Un, wo isch des donn?“

„Bei Hannover.“

„Donn bisch jo im Norde!“

Meine Hamburger Mitbewohnerin hier sieht das etwas anders: „Das ist Mitte! Norden ist Flensburg, wenn überhaupt.“

Hildesheim, das liegt also bei Hannover in der nördlichen Mitte Deutschlands. Was mir als erstes auffällt: Brezeln kosten satte 1 Euro – ohne Butter. Und: ungewöhnliche Zuvorkommenheit im öffentlichen Nahverkehr. Wie dieser Busfahrer, der mitten auf der Straße anhält, mich rüber winkt, zufällig in meine Richtung fährt und mir ein Ticket für Einszwanzig verkauft: „Wie alt biste denn? Ach komm, machwa Kinderpreis.“

Mit dem Busfahren in Hildesheim habe ich also durchaus erfreuliche Erfahrungen gemacht. Das kann nicht jede°r von sich behaupten. Busfahren, das ist so etwas, da führt kein Weg dran vorbei – außer man reist immer mit dem Rad zur Uni, aber das habe ich nur im ersten Monat durchgehalten. Die Strecke zur Domäne Marienburg beträgt so 7,5km. Sie ist sehr hübsch und derzeit recht kalt und glatt. Ich schaue also auf der Seite des SVHI – das steht für Stadtverkehr Hildesheim GmbH – nach Busverbindungen zur Unihaltestelle, der so genannten Scharfen Ecke. Es werden zwei Linien angezeigt: 3 und 34.

Die Situation mit der Buslinie 3 gestaltet sich wie folgt:

Alle vorhandenen Sitzplätze und zwei Drittel der Stehplätze sind ab Fahrtbeginn am Hauptbahnhof besetzt. Der Bus füllt sich weiter. Meiner Sitznachbarin ist schlecht, weil es so voll ist. Die Türen schließen nicht mehr. Fahrgäste können nicht mehr mitgenommen werden. Meine Sitznachbarin überlegt laut, ob sie sich übergeben muss. Der Bus kommt mit einer Verspätung von 10 Minuten an der Scharfen Ecke an. Um es pünktlich zum Seminar zu schaffen, stapfen wir über die sich im Lauf des Semesters herausgebildete Abkürzung, den Matschweg. So verläuft eine reguläre Fahrt mit der 3. Natürlich gibt es Ausnahmen. Manchmal kommt der Bus nur 6, manchmal aber auch 12 Minuten zu spät an.

Dann probieren wir doch mal die 34 aus, denke ich mir so.

Die Situation mit dem Bus 34 ist anders. Der 34er ist exakt doppelt so schnell, und halb so voll. Einziger Haken: man darf nur selten mitfahren. Erlebt man dieses Glück, stellt einem der Fahrer mit hektischem Blick über die Schulter ein Ticket aus, das kostet Einsneunzig und drauf steht: Notfahrschein. Meist aber darf man nicht mitfahren.

Ich erlebte bislang folgende Szenarien:

  1. Fahrer behauptet, ich wäre im falschen Bus, mein Bus stünde eins weiter hinten. Er scheucht mich raus. Kaum stehe ich auf dem Bürgersteig, macht er die Tür zu und rauscht ab. Der Bus hintendran trägt die Aufschrift LEERFAHRT.

  2. Fahrer sagt, er hält nicht an der Scharfen Ecke. Gegenargumente (Aber letztes Mal…/Aber es steht so im Internet…) überzeugen ihn nicht, er weist mich vor die Tür, schließt selbige und zischt davon.

  3. Fahrer erklärt entschuldigend, dass er seinen Job verliert, wenn er mich mitnimmt. Fahrgäste dürfen innerhalb des Stadtgebiets nicht transportiert werden. Ich kann nur mitfahren, wenn ich erst wieder außerhalb der Stadt aussteige. An der Scharfen Ecke darf der Fahrer nur anhalten, um jemanden einsteigen zu lassen. Wenn er erwischt wird von einem Busfahrer des SVHI, verliert er seinen Job. Ich bin verwirrt und der Fahrer gibt mir die Telefonnummer des Busunternehmens Rizor, bei dem er arbeitet.

Anruf 1: Gesprächspartner: Busunternehmen Rizor GmbH & Co. KG

„Ja, das ist alles richtig, was Ihnen der Fahrer gesagt hat. Das hängt damit zusammen, dass wir dem SVHI und RVHI keine Fahrgäste wegnehmen dürfen. Wenn wir entgegen der Regeln Fahrgäste innerhalb der Stadt transportieren, drohen uns vertraglich festgelegte Bußgelder. Warum der SVHI die 34 für diese Strecke im Internet anzeigt, kann ich Ihnen auch nicht sagen, Sie können da ja mal nachfragen.“

Anruf 2-7: Gesprächspartner: Kundencenter des SVHI, oder auch nicht. Es nimmt nämlich keiner ab, oder es ist besetzt, oder ich werde weggedrückt.

Anruf 8: Unternehmen SVHI Stadtverkehr Hildesheim GmbH

„Das ist doch Unsinn. Warum sollten wir Rizor verbieten, Sie da mitzunehmen? Wenn Ihnen der Bus 34 bei uns angezeigt wird, dann können Sie diesen Bus auch nehmen. Von diesen Vertragsregelungen weiß ich nichts. Fragen Sie doch mal beim Landkreis beim ÖPNV nach.“

Anruf 9: Landkreis Hildesheim

„Sie rufen außerhalb unserer Dienstzeiten an. In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an die Feuerwehr Hildesheim.“

Anruf 10: Gesprächspartner: Busunternehmen Rizor GmbH & Co. KG

„Ich versichere Ihnen, dass der Bus 34 Sie nicht auf dieser Strecke mitnehmen darf. Das steht so in der Linienkonfession für den Nahverkehr. Ich habe die jetzt nicht hier, aber das ist da alles geregelt. Fragen Sie doch mal beim Landesamt für Personennahverkehr, oder wie das heißt, die haben da die Übersicht.“

Ich recherchiere im Internet und finde nur die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr. Das klingt ja so ähnlich.

Anruf 11: Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr:

„Da sind Sie bei mir falsch, aber wir schließen auch in 10 Minuten, warten Sie, ich suche Ihnen die Durchwahl raus, ach, immer wenn man’s eilig hat, ein Moment, ah hier.“

Anruf 12: LEA Gesellschaft für Landeseisenbahnaufssicht mbH Niedersachsen

„Was, um Busse geht es? Von wem haben Sie denn da unsere Durchwahl bekommen? Ah, also wir sind von der Landeseisenbahnaufsicht, wir haben damit nichts zu tun. Ich gebe Ihnen die Nummer von der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen.“

Anruf 13: Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen mbH: „Der zuständige Kollege hat heute Urlaub. Also was nicht gestattet ist, ist Parallelverkehr. Und es gibt entweder eine Konfession für ein Unternehmen, oder eine Gemeinschaftskonfession, aber das ergibt auch keinen Sinn. Warum sollte der SVHI Rizor als Subunternehmer fahren lassen, und dann die Fahrten verbieten, das ist wirklich seltsam, rufen Sie doch am Montag nochmal meinen Kollegen an. Das interessiert mich jetzt auch. Hildesheim ist in manchen Dingen sehr speziell.“

Anruf 14: Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen mbH:

„Ja, genau, ich bin da zuständig. Ich habe das jetzt nachgeprüft. Also Rizor hat Recht. Das erklärt sich so. Rizor hat einen eigenen Tarif, 1,90 Euro pro Fahrt, beim SVHI kostet eine Einzelfahrt aber 2,45 Euro. Die wollen natürlich nicht, dass die Fahrgäste dann mit Rizor fahren, daher gibt es die Auflage an Rizor Fahrgäste nicht innerhalb des Stadtgebiets mitzunehmen. Es gibt laufend Tarifverhandlungen, damit ein Verbund eingeführt wird, sodass man, wie in anderen Städten auch, mit jedem Bus zu einem Preis fahren kann. Da hoffen wir, dass man sich noch einig wird. Dass der SVHI den 34er Bus auf seiner Internetseite für Sie anzeigt, ist natürlich irreführend, das werde ich weiterleiten.“

Es bleibt vorerst also wohl nur die Abenteuerfahrt mit der 3. Von alteingesessenen Hildesheimer°innen hörte ich, dass die Zustände schon häufig angeprangert wurden. Aber vielleicht ändert sich da auch noch was? Was ich nach einem Semester in Hilde, wie der Insider sagt, nämlich festgestellt habe: Die Stadt ermutigt mich, wie noch keine andere, als Bürgerin aktiv zu werden. Ist auch mal was anderes. Wo woanders ganz normal die Busse fahren, überall das Semesterticket gilt, auch abgelegene Campusse ausgestattet sind mit einer Mensa, öffentlich zugänglichen Computern, zuverlässigem WLAN, oder der Möglichkeit umstandslos etwas auszudrucken, bietet Hilde und seine Universität ausreichend Platz für Engagement. Schön ist, dass die Leute auf der Straße, Verkäufer°innen, Busfahrer°innen oder Lehrende an der Uni zuvorkommend und freundlich sind. Und wundert man sich dann mal über sehr spezielle Verfahrensweisen, lächeln sie milde, zucken die Schultern und sagen: „Ach, des is Hildesheim.“

Katharina Harter

[LUX] ist eine Reihe essayistischer Texte über das PROSANOVA.