[FLASHBACK] #6 PROSANOVA 17 rückblickend

Ich habe ein halbes Jahr vor PROSANOVA einen Text geschrieben, in dem ich versucht habe, mir so etwas vorzustellen, ein Festival für junge Literatur. Wenn ich den Text jetzt lese, kommt er mir viel zu allgemein vor, zu ungenau, zu einfach und klischeehaft. Aber das war auch vor einem halben Jahr, das war, bevor mein Leben einen Monat lang nur PROSANOVA war. Keine Uni, kein Ausschlafen, kein Zimmer aufräumen oder Bad putzen, eben nur PROSANOVA. Und es war vor diesen vier Tagen, an die ich nach zwei Nächten Schlaf, mit einer Träne im Augenwinkel und einem breiten Lächeln im Gesicht zurückdenke.

Und jetzt versuche ich rückblickend etwas über das Programm zu schreiben. Das waren diese vier Stunden zwischendurch, in denen ich nicht mit dem Handy in der Hand oder am Ohr herumgerannt bin. Weil eine Künstlerin den Zug verpasst hatte oder ein Künstler gerne etwas drucken würde. Als Künstler°innen-Betreuerin war es meine Aufgabe, sich um solche Sachen zu kümmern.                                                                                                                                                 Nur in eben diesen vier Stunden habe ich versucht, meine Gedanken für eine kurze Zeit von meinem Zeitplan, der gefaltet in meiner Gürteltasche lag, vom Wasservorrat im Backstage-Kühlschrank und von meiner ToDo-Liste wegzukriegen. Und mal zuzuhören. Sich auf das zu konzentrieren, wofür wir das alles gemacht haben. Für die Literatur. Für die Menschen da vorne auf der Bühne und für die hier im Publikum, die vier Tage lang Literatur hören, Literatur lesen und über Literatur reden. Und über Sexismus am Literaturinstitut, aber darauf werde ich nicht weiter eingehen, das hat mit dem Programm nur soweit zu tun, dass es ihn im Programm dieses Mal eben nicht wirklich gegeben hat. Den Sexismus.

Von der Veranstaltung „Einen Ausblick organisieren“ habe ich die ersten zehn Minuten mitbekommen. Bevor ich mich vor die Halle setzen musste, weil die Zuspätkommer°innen mit dem Knarren der Tür die Stimmen auf der Bühne übertönten. Durch einen kleinen Seiteneingang konnte ich unbemerkt die Nachzügler und Nachzüglerinnen einschleusen.
Ich schielte nur noch sehnsüchtig durch zwei Fenster auf die Bühne und in die Gesichter des Publikums, die mir verrieten, wie schön es jetzt wäre, drinnen zu sitzen und zuhören zu können.
Das erste Format, für das ich mir zwei Stunden freischaufelte, war „Aufräumen“. Und dann war ich doch die ganze Zeit im Kopf bei der Organisation und bei meinem Zeitplan. Vor allem bei meinem Handy, das ich für diese Zeit komplett ausmachte.
Was ist, wenn etwas schief läuft und jemand mich erreichen muss?
Was ist, wenn jemand eine dringende Frage hat und ich nicht helfen kann?
Und wenn jetzt jemand einen früheren Zug genommen hat und am Bahnhof auf mich wartet? Ich war nicht wirklich bei der Veranstaltung. Nicht mit dem Kopf.
Die Soundinstallation, die ich am Sonntag betreute, konnte ich zum Glück mit anhören. Diesmal musste ich eine halbe Stunde lang nicht nur mein Handy, sondern auch meine Orga-Gedanken ausschalten, was an der Intensität und Verdichtung der Atmosphäre und des Textes lag. Vielleicht auch daran, dass es der letzte Tag war und eine willkommene Einladung, einmal nicht nachzudenken.
Zum Abschluss stellte ich mich noch in die Schlange zum ALDI Parkplatz, um die Lesung „Auf Inseln“ zu hören. Und da überkam mich wirklich für kurze Zeit ein Festival-Gefühl. Wahrscheinlich lag es daran, dass die Anspannung langsam abfiel, aber da hatte ich einen kurzen Besucher°innnen-Moment.

Und es sind wirklich nur diese vier Stunden, die ich von dem Programm mitbekommen habe. Oder anders gesagt: es sind nur diese vier Stunden, die ich von dem Besucher°innen-Programm mitbekommen habe.                                                                           Weil dahinter war ja noch mehr.
Da waren die Künstler°innen, die ich betreuen durfte, und die noch viel beeindruckender waren als schon in ihren Büchern, die im Festival-Buchladen standen. Die ich vom Bahnhof abgeholt und ins Hotel gebracht habe, und für die ich auf dem Gelände Ansprechperson war. Und mit denen ich viele so schöne, manchmal so angenehm belanglose, manchmal ganz konzentrierte und insgesamt so weiterbringende Gespräche geführt habe. Bei denen ich nach diesen vier Tagen etwas das Gefühl habe, zumindest eine Seite von ihnen kennengelernt zu haben. Und wenn nicht, dann immerhin feststellen zu dürfen, dass Menschen im Allgemeinen einfach toll sind. Einfach so, im Allgemeinen.
Dann gab es noch das Team, über das ich diesen Satz nur wiederholen kann. Dass Menschen einfach toll sind. Es gehört viel dazu, aus knapp dreißig Studierenden ein Team zu bilden, das sich alles anvertraut, das sich hilft, das doch noch in jeder Situation einen guten Grund zu lachen findet, auch wenn man selber völlig fertig ist. Und mit dem man vier Tage ohne Schlaf aushält, ohne sich einmal in die Haare zu kriegen. Genau das hat PROSANOVA geschafft.

Ich sitze mit Alex, Sophia und Franzi im Backstagebereich um den kleinen Tisch im Vorzimmer, neben uns brummt der Kühlschrank und wir beraten, wie wir heute weiter arbeiten. Wer bewacht den Backstage, wer holt wen vom Bahnhof ab, wer kümmert sich um den Buchladen oder die Erstattungsformulare. Und dann kommt eine Künstlerin mit ein paar anderen aus dem großen Raum zu uns an den Tisch und sagt so oder wahrscheinlich so ähnlich: „Bei Festivals ist die Organisation immer so gestresst und man traut sich gar nicht sie anzusprechen. Aber ihr schwebt hier immer so freundlich rum. Wie kleine Peter Pans.“
Und dieser Satz, so oder so ähnlich, bleibt mir im Kopf und macht den ganzen Tag noch schöner.

Und jetzt würde ich die Uhr gerne zurückdrehen, die Kalenderblätter wieder ankleben und mir ein rotes Besucher°innenbändchen ums Handgelenk binden. Und noch einmal ins Festivalzentrum schlendern, mich durch den Leporello kämpfen und auf dem Gelände verirren. Mich Slushischlürfend in den Liegestühlen bräunen. Und mich dann natürlich in die Schlangen stellen, noch gerade vor Einlassstopp in Veranstaltungen quetschen und einen Sitzplatz ergattern. Und zuhören und mitdenken und in die Texte versunken die Stirn runzeln und klatschen.
Nicht, weil ich es bereue mitgemacht zu haben, ganz im Gegenteil. Ich bereue nur, dass das eben noch nicht geht, in der Zeit zu reisen. Weil ich von so vielen Leuten so viel Positives über die Formate und das Programm gehört habe und über die Sauberkeit der Toiletten und über den Kaffee an der Bar, und weil ich deshalb einfach gerne noch einmal mitmachen würde, auf der anderen Seite diesmal.

Und es gibt so viele schöne Momente, die ich nicht mit einem roten Bändchen ums Handgelenk mitbekommen hätte. Ich schreibe jetzt nicht alle auf, sonst würde ich merken, dass die Liste der Momente endlich ist, und das würde mich wieder auf den Boden zurückbringen, auf den ich gerade noch nicht zurück will.

Mara Schmitz

[FLASHBACK] umfasst Beiträge von ehemaligen PROSANOVA-Beteiligten und diesen jüngsten Text zum jüngsten PROSANOVA.