[FLASHBACK] #5 PROSANOVA 2005 – Prosanova im Präsens II

I

Am 17. Juni 2003 sitze ich um 23.33 Uhr in einer stehenden Welle aus Lärm, E-Gitarren, Bass Schlagzeug, aber das ist kein Song, sondern unzusammenhängender Krach, verzerrter Gesang und wildes Geschrei in einem von Moltonbahnen abgehängten Teil der sogenannten Alten Teppichhalle in der Senkingstraße in der Hildesheimer Nordstadt, einzelne Zuschauer sind schon aufgestanden und gegangen, die Performer schmeißen selbstgebrannte CDs mit Raubkopien ihres Lärms ins Publikum und teilen fotokopierte Bögen ihrer eigenen Festivalfreigetränkekarten aus, Go, schreit der Sänger ins Mikrophon und Zeigt auf den Ausgang, Go away, go, go, und dreht noch einmal den Verstärker lauter, und plötzlich wird mir klar, diese Performer wollen gar keinen Schlussapplaus, konsequentes Ende einer großartigen Performance, die Pirates! heißt, ich taumele mit Tinnitus im Ohr und restlos begeistert hinaus in die Hildesheimer Nachtluft, setze mich aufs Rad und fahre zurück zum Pelizaeusplatz ins Festivalzentrum von transeuropa 2003, seit Tagen hänge ich hier ab, spiele Kicker, betrinke mich kollektiv (was den Kickerfähigkeiten nicht zugute kommt) und fahre zwischendurch schnell zu den verschiedenen Performances und Aufführungen des Festivals, einmal ein bierkistengroßer Eisblock, der von zwei Unterarmen zerschmolzen wird, bis das Wasser in Fäden von den zunehmend krampfenden Händen und Ellenbogen rinnt, ich sehe Finninnen Wodka trinken und Schweizer Bergziegen minutenlang Kräuter wiederkäuen, ich will alles sehen auf diesem Festival, das zudem von einer Freundin von mir geleitet wird, ich bin fast ununterbrochen betrunken, ich bin begeistert, ich denke: Das will ich auch machen, ein Festival.
Das will ich auch machen, ein Festival, denke ich, und schlage das der BELLAtriste-Redaktion, also Wiebke Späth, Thomas Klupp, Florian Kessler im Spätsommer 2003 vor, Redaktionssitzung in Thomas Arbeitszimmer in seiner Wohnung in der Weißenburger Straße, wir haben bis hierhin sieben schmale Hefte der BELLA in die Welt gestellt, Heft Nummer sechs ist eine Sonderausgabe zur Schweizer Literatur, eine Kooperation mit transeuropa 2003, Thomas und Wiebke sind zunächst skeptisch, vor allem wegen der vielen Arbeit, aber am Ende des langen Abends sind wir dann doch entschlossen uns kopfüber hineinzustürzen, alles miteinander kollektiv zu leiten und zu entscheiden, und Katrin Zimmermann und Matthias Karow noch dazuzuholen, wir stoßen mit Einbecker in flaschengrünen Flaschen auf den Sommer an, auf das Kommende, die Freundschaft, die Zukunft.

II

Das Festivalbüro liegt in der Goschenstraße 32, im Erdgeschoss, für die Büronutzung haben wir Gerümpel, Ölkannen und Mopeds in Einzelteilen und kistenweise alte Gesundheitsschuhe ausgeräumt, dann günstig gekaufte Restbestände an Rollrasen verlegt, die Herrichtung des Festivalbüros ist eine Art Vorübung für das, was uns im Festivalzentrum erwartet, ich wohne zwei Stock über dem Büro in einer WG, Katrin und Florian wohnen im Stock über mir und wenn ich im Büro meinen Laptop schräg über den Kopf halte, kann ich mit dem WLAN-Signal von oben Mails senden und empfangen, bevor wir morgens gegen zehn anfangen im Büro zu arbeiten, schleiche ich mich aus dem Haus, um joggen zu gehen, abends schlafe ich nicht ein, weil mir immer alles einfällt, was noch zu erledigen ist, morgens wache ich um halb sechs auf, obwohl der Wecker auf neun gestellt, damit ich endlich mal wieder ausschlafe, aber unerledigte To-Do-Listen sind ein nicht zu überkommender Melatonin-Hemmer, also raus, leider nieselt oder regnet es immer, aber heute, genau eine Woche vor Festivalbeginn hat Thomas einen Zettel an die Pinnwand gehängt, eine ausgedruckte Wettervorhersage, für 20. bis 24. Mai 2005 ist Regen angesagt, und für die Tage 26, 27, 28 und 29/05/2005 steht da jeweils ein völlig unbewölktes Sonnen-Piktogramm und darunter und zum ersten Mal in diesem Jahr Höchsttemperaturen in den mittleren und oberen Zwanzigern und oben drüber auf der Weißfläche des Zettels steht in Thomas etwas drahtiger, ordentlicher, immer leicht vorgeneigter Handschrift: für alle – zum Freuen!

III

Wir haben einen Tischkicker und Tischtennisfrenzies, wir haben Rollrasenzonen, wir haben einen halb sonnenverbrannten Kresseschriftzug und ein Meer aus explodierenden Lilien, wir haben in den Beats von Stadtler & Waldorf tanzende Mengen von Menschen, die stille Hoffnung es könnte richtig, richtig voll werden wird schon am ersten Abend von allem, was wir uns in unseren Träumen vorgestellt haben, um ein mehrfaches überflügelt und damit ist es genau so geworden, wie wir uns das vorgestellt haben, wir haben die vitale fünfzigjährige Hundesalonbesitzerin mit dem blinden Pudel aus dem dritten Stock des Gebäudes, in dessen ersten zwei Stockwerken das Festivalzentrum liegt, im Nokia am Ohr, die uns sagt, wir sollen die Party jetzt beenden, es sei zu laut, wir haben den Schweiß und die Euphorie der Tanzenden, die in der Luft in Dampf übergehen und an der Decke kondensieren und auf uns zurücktropfen, wir haben die halbe Bahnhofsstraße da, lauter postmigrantische Boys beim Tischtennis, die es um diese Zeit noch nicht gibt, weil es das Wort postmigrantisch noch nicht gibt, und Massen von Kuwis und Schreiberinnen und anderen in einem bis auf die Bahnhofsallee reichenden Pulk vor der Tür, wir haben die Polizei im Nokia am Ohr, die sagt, wir sollen die Party beenden und die sagt, wir machen Sie persönlich dafür verantwortlich, andernfalls kämen sie mit einer Hundertschaft, wir haben ein Biersponsoring von Tannenzäpfle und alle Zäpflevorräte Niedersachsens des Jahres 2005 in einem Raum, die Vorräte sind nach dem ersten Abend fast aufgebraucht, weil alle soviel trinken, weil es so heiß ist, drinnen wie draußen, wir haben Frank Spilker von den Sternen und Christiane Rösinger von Christiane Rösinger da, mit denen wir auf der Bühne bei Schreiben für Millionen über Songtextschreiben sprechen, und Frank spielt für uns Was hat dich bloß so ruiniert in einer Akustik-Soloversion, wir haben Kevin Vennemann ein Jahr bevor er zum wichtigsten Autor des Jahres 2006 wird, wir haben Lesungen, bei denen außer den Stuhlreihen die Gänge, der Raum vor der Bühne, die Türen aus einer schwarzen Doppelschicht Molton mit sitzenden, hockenden, stehenden Menschen besetzt sind, ich habe am Morgen des Festivalsamstags einen Überforderungszusammenbruch, von dem ich glaube, keinem im Team und auch sonst niemandem erzählen zu dürfen, und die Angst jetzt alles, alles weitere zu verpassen plötzlich vor mir wie eine sich nähernde Tsunamiwelle, ich erzähle dann doch Ruth davon, am Nokia, und sie bringt mich wieder auf den Boden zurück, streicht mir virtuell über den Kopf, in diese halbe Beruhigung hinein lege ich mich um 11 Uhr samstagvormittags schlafen, die nächste Anmoderation weiterzudelegieren erwies sich als völlig unkompliziert, während ich Minuten zuvor im Angesicht der Tsunamiwelle noch dachte, es wird jetzt alles über uns, über mir zusammenbrechen, ich erwache mit neuer Energie, das Gros des dritten Tages liegt vor mir wie ein Tableau, ein präzises Uhrwerk, eine gewaltige Maschine, deren Zahnräder ineinandergreifen, mit und ohne mein Zutun, wie ich jetzt realisiere, und aber jetzt wieder mit mir, wir schleppen 14.000 Euro in Künstlerinnenhonoraren in Briefumschlägen in einem unscheinbaren schwarzen Billigrucksack zwei mal am Tag entweder von der Goschenstraße in die Festivalbürozweigstelle in der Bahnhofsallee oder zurück, wir haben Polizisten, die ihre schwarzen lederbehandschuhten Hände zu Fäusten ballen und die schon vorsorglich in den Keller verlegte Party am Sonntagmorgen um sechs Uhr vierunddreißig für beendet erklären, draußen vor der Tür ist zu unserem Erstaunen längst Tag, wir haben Schichtdienst an der Bar, was immer irre Spaß macht, wir haben unglaublich viel verschwendete Frühjugend zu verschwenden, wir sind ein Team aus zweiundsiebzig jungen, schönen, vorübergehend kaputtgetrunkenen Menschen, die sich in alles schmeißen, was anfällt, wir haben einen Gastrogeschirrspüler und eine wackelige Elektrik und eine Abnahme durch die Feuerwehr, wir haben eine Beauftragte für die Blumenbeete auf der Hinterterrasse (Mirle Köhler), wir haben Barschichten, Einlassschichten, Aufräumschichten, Springerschichten und Ersatzspringerschichten, im Team sind lauter künftige Regisseurinnen und Performerinnen und Autorinnen, deren Texte wir noch gar nicht kennen, Sabrina Janesch, Mounia Meiborg, Leif Randt, Nora Wicke, Katharina Bill, Anne Köhler, Sylvia Sobottka, John Birke zum Beispiel, wir haben die späte Gerhard-Schröder-Kanzlerschaft und eine sich über das Land legende Harz-IV-Müdigkeit, wir haben George W. Bush als gerade wiedergewählten und – wie wir zukunftsvergessen denken – schlimmsten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten, wir sind Ärzte- und Professorensöhne, wir haben einen erstaunlichen Männerüberschuss und ebenso erstaunliche zero peolpe of colour im Lineup, wir haben die Jungverlegerin Daniela Seel und als einen angenehm immer jungen Schriftsteller Thomas Meinecke in mehreren Funktionen, die völlig unbekannten Julia Zange und Thomas Pletzinger gewinnen den Literaturwettbewerb, Ronja von Rönne ist noch nicht geboren, Ted Gaier von den Einstürzenden Neubauten macht zusammen mit Raphael Urweider von Rapahel Urweider und mit Kim Oetliker von Dark Star Radio eine vor Ort entwickelte halb scheiternde halb sehr geile Literaturperformance zur Eröffnung, wir haben nach dem Festival 6000 Euro Barüberschuss bei Bierpreisen von 1 Euro 50 die Flasche und üppiger Getränkeverschenkpraxis, wir müssen wegen der Hitze schon am zweiten Tag Bier nachkaufen und fahren mit dem Sprinter zu einem Getränkegroßmarkt im Umland, als wir zurück zum Festivalgelände kommen, sind im Innern des Laderaums zwei Kisten umgekippt, so dass wir eine konstant plätschernde Bierschleppe von der Nordstadt bis in die Bahnhofsallee hinter uns herziehen, wir verlieren das Fußballspiel gegen Leipzig knapp mit 3:2, weil Jo Lendle den Kasten der Leipziger einfach zu sauber hält, dabei hat Jo doch, bevor er in Leipzig studiert hat, erst in Hildesheim studiert, wir haben nach dem Festival eine Anzeige wegen Körperverletzung am Hals, weil die vitale Frau mit dem blinden Pudel, der wir schon am ersten Abend ein Zimmer im Dorint Hotel anbieten, die aber wegen ihres Hundes nicht woanders schlafen kann, aufgrund von Schlafmangel eine Depression bekommt, am Sonntag Abend erklärt uns die Polizei, dass wir die Veranstaltung für beendet erklären müssen, andernfalls rückt die Bereitschaftspolizei aus Hannover an und räumt das Gelände, und das wird dann richtig teuer, sie zwingt mich an ein Mikrophon zu gehen und die Ansage zu machen, dass es vorbei sei, nachdem wir schon Thomas Meinecke für den Abschlussabend abgesagt haben, weil er sagt, seine Musik funktioniere nur laut, was wir verstehen, und auch dem studentischen Ersatz-DJ Malte Beisenherz oder war es David von Westphalen sagen wir wieder ab, und ich stelle mich auf eine Box und sage in ein Mikrophon, dass ich es schrecklich finde, aber dass wir gezwungen seien das Festival hier zu beenden, und Jörg Albrecht ruft in den Saal Danke für alles, und ein Applaus und Jubeln brandet auf und reißt für Minuten nicht ab, Trotz mischt sich da rein, die Polizisten ringen ihre behandschuhten Hände und winken in meine Richtung, dass ich das zu beenden habe, also sage ich noch mal in das Mikrophon, dass dieser Jubel sehr schön sei und dass ich trotzdem, obwohl ich es nicht wolle, darum bitten müsse, dass wir jetzt leise werden und ich sage noch, kommt alle 2008 wieder.

IV

Seit dem Festival sind wir älter geworden, uns sind Haare ausgefallen und Zähne und Zehnägel, wir sind Dozentinnen geworden, Lektorinnen, Autorinnen, Werbetexterinnen, Erzieherinnen, Journalistinnen und multiple Väter, und wir leiden ein bisschen darunter, dass Prosanova eigentlich nie ist (ich meine, drei Jahre sind eine echt lange Zeit) und gleichzeitig ist Prosanova eigentlich immer, und wenn wir die in Lindenblütentee getauchten Bilder des kommenden Prosanova | 17-Festivalgeländes anschauen, steigen nicht nur diese Vergangenheiten in uns auf, sondern auch die Erwartungen an eine noch vage aber komprimierte Zukunft, eine Art bifokale Madeleine, wenn wir hier dieses schiefe Bild einmal bemühen dürfen, und wir finden, um angemessen über Prosanova zu sprechen, müssen wir eine neue Zeitform erfinden, das Futur Perfekt, um dieses gleichzeitige Voraus und Zurück auszudrücken, das Erinnern der Zukunft und das Sich-freuen-auf-das-Vergangene, und um das In-Prosanova-Sein zu beschreiben brauchen wir dann komplementär dazu das Präsens II, das Erleben von Momenten, die man schon lange erwartet und sich innerlich ausgemalt hat, und zugleich, schon während es passiert, weiß, dass man sich daran in aller Intensität erinnern wird, denn wir besitzen ein Prosanovakörpergedächtnis und wir besitzen ganze Hirnareale, in denen ausschließlich Prosanovaerinnerungen abgelegt sind, eigene Prosanovaganglien, -rezeptoren und –transmitter, Prosanovaendorphin, Prosanovaadrenalin und Prosanovaserotonin, die nur alle drei Jahre ausschüttbar sind, wir sind 25 Jahre alt, wenn Prosanova stattfindet, wir sind 28, wir sind 31, wir sind 34, wir sind 37, wir sind 43 und 58, dann organisieren schon unsere Kinder Prosanova, aber wir bleiben immer 25, denn das Chaos ist nie aufgebraucht, es ist die beste Zeit.

 

Paul Brodowsky

[FLASHBACK] umfasst Beiträge von ehemaligen PROSANOVA-Beteiligten.