[FLASHBACK] #4 PROSANOVA 14 – Eröffnungsrede

„Mein Name ist Benjamin und ich werde jetzt eine Rede halten. Ich beginne mit einem Plan, der nicht funktioniert hat. Mein Plan war richtig, richtig gut. Denn wenn er aufgegangen wäre, stünde ich jetzt nicht so einsam auf dieser Bühne, die viel zu groß ist für einen kleinen Menschen wie mich, sondern an meiner Seite stünde – ich zittere nur, weil mir kalt ist – sondern an meiner Seite stünde, oder vielleicht säße er auch, jemand zweites. Hier und heute, am Vatertag, hätte Bernd Weifenbach auf dieser großen Bühne neben mir gestanden, ich hätte ihm ein paar Fragen gestellt und er hätte sie mir beantwortet. Es wäre echt witzig geworden und das Gute an diesem Plan wäre gewesen, dass ich mit Bernd einen echten Experten neben mir stehen gehabt hätte und ich selbst nicht so viel hätte reden müssen. Und auch nicht so viel zittern. Das steht nicht im Text, hab ich erfunden.

Bernd Weifenbach ist der Hausmeister der Räumlichkeiten, in denen wir uns befinden, und die wir in den vergangenen zwei Monaten zum Festivalgelände umgebaut haben. Bernd ist Hausmeister der Hauptschule „Alter Markt“. Bernd hat die letzten zwei Monate intensiv miterlebt. Am ersten April sind wir eingezogen und haben angefangen, die Hauptschule zum Festivalgelände umzubauen. Wir haben eine Million Quadratmeter Teppich verlegt, zwei Millionen Bücher gefaltet und viele andere schöne Dinge getan, die ein Geheimnis bleiben sollen, das ihr im Laufe der nächsten vier Tage hoffentlich selbst lüftet. Bernd hat mir erzählt, dass es sich bei dieser Hauptschule lange Zeit um eine Problemschule gehandelt hätte, dass ein Wachdienst am Eingang postiert wurde, der die Schule bewacht. Irgendjemand anderes hat mir erzählt, ich weiß nicht mehr genau, wer das war, und ich weiß auch nicht genau, ob das stimmt, was die vergessene Person mir erzählt hat, dass die Hauptschule „Alter Markt“ der Ort war, an dem die ersten Mobbing-Videos Deutschlands entstanden sind. Aber wahrscheinlich behauptet man das von jedem leerstehenden Hauptschulgebäude. Was feststeht, ist, dass ich mir keinen besseren Ort vorstellen könnte, an dem PROSANOVA 2014 jetzt tatsächlich stattfindet. Ich habe Schulflure, Mensen, Nähzimmer und Technikräume zu lieben gelernt. Selbst Turnhallen finde ich jetzt richtig super und die waren eigentlich nie so mein Ding. Und für die Möglichkeit, die nicht vorhanden geglaubte Liebe zu entdecken, ja, eine Flamme lodert in mir, möchte ich mich herzlich bedanken. Allen voran bei der Stadt Hildesheim, bei Eckhard Homeister, – boah, das ist ja unfassbar, wie ich zittere – der uns von Anfang an bei der Geländesuche unterstützt hat, bei Jürgen Nowak vom Schulamt und Kulturdezernent Dirk Schröder, die uns hier haben einziehen lassen. No place is better than here. Und zu guter Letzt natürlich bei Bernd Weifenbach, ein eher schüchterner Typ, der uns die letzten Monate hier ausgehalten hat und uns noch ein wenig wird aushalten müssen. Wenn Bernd jetzt hier am Vatertag bei der Eröffnung von PROSANOVA neben mir stehen würde, ich glaube, ich würde weniger zittern, und ich glaube auch, dann wäre jetzt der Zeitpunkt, an dem ich ihn in den Arm nehmen würde. Ja, vielleicht würde ich ihn sogar auf die Wange küssen. Lieber Bernd, ich weiß nicht, wo du gerade bist, aber ich danke dir von ganzem, ganzem Herzen, und euch allen wünsche ich ein wunderbares Festival. Danke.“

Benjamin Quaderer

http://litradio.net/festivaleroffnung-prosanova-2014/

20:26 min – 24:22 min

[FLASHBACK] umfasst Beiträge von ehemaligen PROSANOVA-Beteiligten.